Brief ǀ Dear Frau Mittmann — der Freitag


Liebe Frau Mittmann,

neulich beim Aussortieren, da fiel mir ein Büchlein in die Hand, das Sie mir zum Abitur geschenkt haben. Ich musste daran denken, wie sie war, diese seltsame Zeit, und an Sie, meine Englischlehrerin.

Wie Sie schon dasaßen, AUF dem Tisch, breitbeinig, in Hippiekleid und Bandana, Fuck-the-system-Haltung.

Sie redeten auf Englisch los, nein, Sie schossen wie aus der Pistole, es klang nicht nach Lehrbuch, mehr nach Covent Garden, auch wenn der noch weit weg war, sogar für Sie.

Es war 1990, ich war 15, als ich auf das Heinrich-Schliemann-Gymnasium kam. Der Sommer ging zu Ende, es war der Sommer, in dem Kaufhallenregale rasant leer geräumt und über Nacht mit Westprodukten gefüllt wurden. Mit Schauma-Shampoo.

Ich saß im Speisesaal des Ferienlagers in Bad Saarow, in das ich jeden Sommer fuhr, sah auf einer improvisierten Leinwand, wie Deutschland Fußball-Weltmeister wurde. Diese Flagge, diese Hymne. Es war nicht meine Party.

Die alten Regeln waren weg, die neuen noch nicht da. Über Nacht galt ab dem 1. August 1990 das Schulgesetz von Westberlin, also wurden Schulstrukturen umgestellt. Was aus dem Westen kam, wurde den Ost-Lehrern übergestülpt, so haben es viele empfunden. Neue Lehrpläne, neue Werte. Die meisten Lehrer kamen nicht hinterher. Konnte man noch Rosa Luxemburg im Unterricht behandeln, und, wenn ja, wie? Von der Oktoberrevolution gab es mehrere Versionen.

Hobbits, war das Ihr Ernst?

Meine Schule hatte den Namen getauscht – und ihren Standort. Aus der Erweiterten Oberschule (EOS), einem modernen Flachbau, wurde das Schliemann-Gymnasium, rotes Gemäuer, ehrwürdig, wie aus einem Hermann-Hesse-Roman. Eine Zeit voller Wirrwarr, Chaos. Die alten Lehrbücher wurden weggeworfen, neue konnte man sich erst mal in der Bundeszentrale für politische Bildung besorgen. Langjährige Lehrer mussten beweisen, dass sie fähig waren in ihrem Beruf. Sie waren verunsichert, hatten Angst. Die meisten wollten nicht diskutieren. Manche Lehrer folgten stur Plänen, andere hielten sich an pädagogischen Konzepten fest. Oder wollten nur ihre Ruhe.

Sie nicht, Frau Mittmann. „Anything you want to talk about?“, haben Sie am Anfang jeder Englischstunde gefragt. Es ging aber nicht um Vokabeln, sondern um uns, Sie wollten was erfahren, wie es uns gerade so mit allem geht. Wir konnten über Gott und die Welt debattieren, Sie schufen einen Raum dafür. Um Gott ging es weniger, aber die Welt war auf einmal groß. Einer wollte sofort nach Amerika. Sie hörten zu, das konnten Sie gut, zuhören. Es wurde in diesem Raum nichts verharmlost oder verdrängt. Mir fiel es schwer, irgendwas wirklich ernst zu nehmen, was in der Schule erzählt wurde.

Sie kennen ja noch Herrn Brüser, unseren Lehrer für Politische Weltkunde. Ein kleiner Mann im braunen Kordjackett, mit Schnauzer. Irgendwann im Oktober 1990 stand er vor uns, in seinen Händen hielt er das Grundgesetz, den schmalen weißen Band mit dem schwarzen Adler drauf. „Ist nicht meins, aber ick muss euch das jetzt beibringen“, sagte er und verteilte es. Uns kümmerte es wenig, aber er wollte nicht „Deutscher“ werden, nicht so schnell.

Sie schwärmten von Tolkien, seiner Saga Herr der Ringe. Wir sollten sie im Original lesen, in jeder Stunde ein neues Kapitel. Geschichten von Hobbits und Zauberern, war das Ihr Ernst? Um uns herum flog alles auseinander und Sie führten uns in eine Fantasiewelt. Ich wollte da aber nicht hin.

Ich hatte genug mit meiner realen Welt zu tun. Ich ging morgens aus dem Haus, fragte mich, wie ich den Tag verbringen soll, Schule war nicht die erste Wahl. Wichtiger war, welches Lied zu meiner Stimmung passte gerade.

Zukunft war ein abstraktes Wort, es gab keine. Wir hingen noch irgendwo in der Kindheit herum, die verschwunden war, und einer Gegenwart, an der man sich nicht festhalten konnte.

Ich bog auf dem Weg zur Schule immer öfter ab, ging ins Café, rauchte, HB, die ich vom Vietnamesen am S-Bahnhof bekam, später Rote Gauloises. Andere aus meiner Schule fingen an zu kiffen, es irritierte mich, wie apathisch sie wurden. Sie haben das beobachtet, wahrscheinlich wussten Sie damals mehr über mich als ich selbst.

Ich fand mich immerhin produktiv, ich schrieb Tagebuch, übersetzte Liedtexte, „sorry“, es waren keine englischen. Ich war verliebt. In einen Italiener.

Es war eine Art von Aussteigen, bei mir eher gefühlsbedingt, Bekannte besprühten nachts „trains“ mit Graffiti. Ich habe viel Stoff verpasst, Abi-Stoff. Es war mir egal. Wahrscheinlich kam ich mir ziemlich existenzialistisch vor.

Als ich zwischendurch mal in der Klasse auftauchte, da sagten Sie „Hi Maxi, nice to see you“, vor allen. Hinterher sind Sie zu mir gekommen, fragten, was los sei. „Willst Du mir was sagen? „Anything you want to tell me?“ Sie schauten mich besorgt an. Und ich erzählte Ihnen von meinem Gefühl, alles hinauszögern zu wollen, Pläne, Leistung, Ankommen. Und von dem Italiener. „Bloß von hier weg, so weit wie möglich“, sang damals die Band Keimzeit. Sie, Frau Mittmann, sagten nichts, hörten zu, manchmal mussten sie lächeln. Ich glaube, Sie fanden es cool. Sie konnten mich, diese Lebensphase, verstehen. Aber Sie waren meine Lehrerin. „Find es heraus“, sagten Sie, „aber schmeiß die Schule nicht weg.“ Ich war nicht vogelfrei, aber ich konnte wachsen, ohne dass Sie mir eine Richtung vorgaben.

Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat mal über „kleine Tugenden“ geschrieben, die im Alltag durchaus ihre Verdienste haben können. Sie hielt nicht so viel von ihnen. Man müsse Kinder die großen Tugenden lehren. „Nicht Sparsamkeit, sondern Freigiebigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber Geld. Nicht Vorsicht, sondern Mut und Verachtung der Gefahr; nicht das Streben nach Erfolg, sondern das Streben nach Sein (und Wissen).“

Sie haben das versucht, Frau Mittmann, auch wenn ich längst kein Kind mehr war.

Lehrer spielen eine entscheidende Rolle, gerade in Zeiten des Umbruchs, von Krisen. Sie können das Beste aus einem herausholen, lenken, ohne dass man es merkt. Ihre Rolle wird oft entwertet, lächerlich gemacht, in Filmen sind sie meist Karikatur. Dabei sind sie unschätzbar für die Erziehung. Sie sollen Vorbilder sein, Wegweiser. Anfang der Neunziger hätten sie alle selber welche gebraucht.

Zu viele Fehlstunden

Sie ermutigten uns, Frau Mittmann, jene allgemeine Verunsicherung zu nutzen. Sie brachten uns Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entgegen, wo andere Lehrer sich aus lauter Panik an der Tafel festkrallten. Wenigstens sollte ich, auf Englisch, Rapport über die Erlebnisse im Café liefern.

Sie sind kein Mensch, der an „für immer“ glaubt. Liebe, Weltanschauungen, nichts war fest, das schien Ihnen nichts auszumachen.

Manchmal erzählten Sie von Ihrem Freund, der so herrlich kochen konnte (Sie hatten danach den Abwasch). Sie sagten, Sie können so schön mit ihm zusammen Musik hören. Ich war nach wie vor selten im Unterricht. Sie riefen meine Eltern an. „Maxis Abitur ist gefährdet, sie hat zu viele Fehlstunden.“ Meine Mutter war überrascht, sie sehe mich immer, wie ich lese, Songs übersetze, schreibe, ich sei fleißig, sagte sie. „Ja klar, sie ist gut, aber sie kommt nicht in die Schule. Was machen wir?“ Es war eine gefährliche Lage. Sie hätten mich auch einfach durchfallen lassen können – und meine Eltern schriftlich und kalt darüber informieren. Aber Sie interessierten sich für mich.

In Englisch stand jetzt Der Fänger im Roggen auf dem Plan. Salingers Roman war dann unser Abitur-Thema. Holden Caulfield, der Held, ist ein jugendlicher Schulverweigerer, der aus dem Internat abhaut und sich tagelang in New York herumtreibt. Ein Verlorener in der Konsumgesellschaft, die er hohl findet.

War das Zufall, Frau Mittmann? Das Thema passte in die Zeit, wir konnten Teile der Geschichte auf uns münzen, wir waren auch orientierungslos in dieser „Gesellschaft“, in der wir uns bewegten oder bald bewegen würden. Ich saß im Café mit dem blassgelben Paperback, ich hatte es schnell durch. Und wurde zur Abi-Prüfung zugelassen: Sie hatten mir zuvor sämtiche Fehlstunden einfach gestrichen. Und schenkten mir zum Abitur dieses Büchlein: Märchen aus Italien. Darin stehen zwei Widmungen.

Dear Maxi,

„It’s impossible to love and to be wise.“ (Francis Bacon, On love)

„Thank God, you managed this year.“

(Annette Mittmann)

Thank you, I managed this year.

Manchmal laufe ich mit meinem Sohn an der Schule vorbei, er ist jetzt auch ein Schulkind. Ich frage mich, was ich ihm wünschen soll. Nicht viel. Eine Lehrerin wie Sie, die ihm hilft, seinen Weg zu gehen. Frau Mittmann, treffen wir uns mal auf einen Whisky?

Ihre ehemalige Schülerin

Maxi Leinkauf



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Author: Münchner Rundfunkorchester

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