Corona ǀ Die Beherbergung des Schwachsinns — der Freitag


Jetzt muss ich doch etwas sagen. Nach langen Monaten der kritischen „Solidarität“ und des zumindest grundsätzlichen Vertrauens in die immer neuen Maßnahmen zum Infektionsschutz droht mir nun angesichts der panikartigen Reaktion auf das Infektionsgeschehen das Verständnis abhanden zu kommen.

Ich lebe plötzlich in einem so genannten „Risikogebiet“, feiere jedoch keine Partys und befolge alle Regeln. Und ich verstehe nicht, warum mein ebenfalls alle Regeln noch akribischer beachtender Sohn nicht mit der Jugendgruppe in ein das benachbarte Bundesland fahren darf, denn wozu haben all die Herbergen und Hotels denn ihre umfangreichen Hygieneschutzkonzepte entwickelt? Umsonst, es gilt „Beherbergungsverbot“.

Ich verstehe nicht, dass ich vom Veranstalter aufgefordert werde, den Sohn rechtzeitig (aber nicht zu früh, denn der Test darf nur 48 Stunden alt sein) testen zu lassen mit dem Rat, Symptome vorzutäuschen, die er gar nicht zeigt („Schnupfen, Müdigkeit“…), damit der Test von der Krankenkasse übernommen wird.

Ich verstehe nicht, dass jetzt alle Inlands-Reisewilligen zu Teststellen rennen, um sich völlig überflüssigerweise testen zu lassen – also dort, wo sie sich bei stundenlangem Warten womöglich erst anstecken, dann aber mit negativem Testergebnis auf Reisen gehen. Derweil dürfen sie jedoch ungetestet, im Flieger eng an eng sitzend, in nicht-deutsche Nichtrisikogebiete reisen.

Schwachsinn im Schwimmbad

Ich habe kein Vertrauen in eine Regel, die im Schwimmbad auf dem Weg zur Dusche eine Maske auferlegt, während weit und breit kein Mensch in Sicht ist, das Schwimmen ohne diese Maske aber erlaubt. Und mir fehlt das Vertrauen in Ämter, die mir verbieten, im Schwimmbad mein Handtuch auf die mit rot-weißem Sperrband versehene Ablage zu legen, mit der Warnung „Die Gesundheitsämter kontrollieren jetzt häufiger.“ Hallo? Die Gesundheitsämter kontrollieren jetzt häufiger, ob Handtücher auf Kacheln liegen, kommen aber mit der Nachverfolgung von Kontaktpersonen nicht hinterher?

Es ist ja richtig, dass man das Risiko minimiert, aber kann man das Risiko minimieren, während man gleichzeitig den Schwachsinn maximiert? Wie soll ich, wenn mir so unsinnige Regeln auf Tritt und Schritt begegnen, den sinnigen Regeln noch glauben können? Wohlgemerkt: Ich halte mich an all diese Regeln und meide Kontakte, denn: „Nähe ist ein Katalysator“, erinnerte die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU, Karin Maag, im Deutschlandfunk. Ein Katalysator für Corona, war wohl gemeint. Abstand ist anscheinend ebenfalls ein Katalysator: Er beschleunigt die fortschreitende Distanzierung vom gesunden Menschenverstand.

Ist es nicht vielmehr so, dass wir mit diesem tückischen Virus irgendwie leben müssen, anstatt bei jeder neuen Infizierten-Zahl panisch im Regelverschärfungsdreieck zu hüpfen? Nicht nur der Virologe Hendrik Streeck fordert vergeblich, weg vom Containment und hin zu einer vorsichtigen Gelassenheit zu kommen. Ja, das Virus ist tückisch. Aber es ist nun mal da, und Menschen sind Menschen. Menschen brauchen Menschen. Menschen bewegen sich. Menschen umarmen sich, sonst werden sie krank. Menschen kann man nicht in Infektionsschutz-Käfige sperren, jedenfalls nicht monate- oder gar jahrelang.

Falsche Hoffnungen

„Im Mittelpunkt steht jetzt die Abmilderung des Schadens gesellschaftlicher Art, gesundheitlicher Art und wirtschaftlicher Art“, sagt der Epidemiologe Gérard Krause im Spiegel. Die Pandemie zu stoppen, sei „schlicht nicht möglich. Hoffnungen in diese Richtung zu wecken, droht Enttäuschung zu erzeugen und riskiert die Akzeptanz der Maßnahmen. Man kann jedoch durch ein geschicktes Ausbalancieren der Maßnahmen die Schäden der Pandemie abschwächen.”

Auch mir geht es nicht darum, all die notwendige Vorsicht im Umgang miteinander als Schwachsinn zu entlarven. Auch ich finde es sinnvoll, dass man in Innenräumen, wo sich viele Menschen für eine längere Zeit aufhalten, eine Maske tragen muss, daran kann man sich gewöhnen, das ist offenbar ebenso hilfreich wie das Bemühen um Abstand. Sinnlose Maßnahmen aber erzeugen, nicht nur in mir, Abwehr und nähren die Zweifel an der Verhältnismäßigkeit auch der anderen, sinnvollen Maßnahmen. Schlimmstenfalls klinken sich Menschen aus der gemeinsinnigen Verantwortungsbereitschaft aus.

Wir jedenfalls werden ganz gewiss dem einen Schwachsinn keinen weiteren hinzufügen. Mein Sohn wird keine Symptome vortäuschen, um einen kostenlosen Test zu ergattern, er wird nicht für einen Test in überfüllten Teststellen anstehen und so das allgemeine Risiko vergrößern. Wir bleiben zuhause. Verständnislos.



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Author: Münchner Rundfunkorchester

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