Die Basics der Ersten Hilfe kennen viele noch aus der Fahrschule: Wunden versorgen, stabile Seitenlage, Wiederbelebung – also lebensrettende Maßnahmen zum Beispiel nach einem Unfall. Doch was, wenn jemand Angststörungen, Depressionen, eine Suchterkrankung oder suizidale Gedanken hat? Darauf sind nur wenige Menschen vorbereitet. 

Dabei ist in Deutschland jedes Jahr mehr als jeder vierte Erwachsene von einer psychischen Erkrankung betroffen, so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Weltweit erkrankt jeder Dritte  im Laufe seines Lebens behandlungsbedürftig an einer psychischen Erkrankung, sagt Bettina Busch, Vorstandsvorsitzende der Eckhard Busch Stiftung in Köln. „Bei jungen Menschen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache.“ Die Corona-Pandemie verschlimmert die Situation. „Es gibt derzeit zwei Gruppen, die wir unterscheiden können. Zum einen die Menschen, die vorher schon betroffen waren und bei denen sich die Probleme durch die Pandemie verschärft haben. Zum anderen gibt es Menschen, die durch ihre Ängste nun psychische Probleme erleiden.“ Ersteres zeigt das Deutsche Depressionsbarometer. Zweites hält die Nako-Gesundheitsstudie fest. Umso wichtiger ist es also mit Betroffenen umgehen zu können, Anzeichen zu erkennen und zu wissen, wo man Hilfe besorgen kann. Ein Erste-Hilfe-Kurs für die psychische Gesundheit setzt genau dort an.

Wie gehen wir mit Menschen um, die sich suizidal äußern?

Auch unabhängig von der Corona-Krise sei der Kurs absolut nötig, sagt Bettina Busch. „Die meisten Menschen wissen nicht viel über die seelische Gesundheit. Da herrscht oft eine große Hilflosigkeit. Wie gehen wir mit Menschen um, die sich suizidal äußern?“ Das Thema werde oft zur Seite geschoben, nach dem Motto: „Das soll lieber jemand mit Kompetenz machen.“

Genau darum geht es bei den MHFA-Kursen – Mental Health First Aid: Eine eigene Kompetenz zu entwickeln, die Sicherheit im Umgang mit Betroffenen gibt. Selbst Ersthelfer für psychische Gesundheit werden. Die Idee kommt aus Australien und wurde im Jahr 2000 entwickelt. In Deutschland gibt es die Kurse erst seit Oktober. Professor Michael Deuschle vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ist Initiator und Leiter des Projekts, gemeinsam mit Tabea Send und Simona Maltese. Ihm ist es ganz wichtig zu sagen: „Die Ersthelferinnen und Ersthelfer sollen keine Diagnose stellen und nicht behandeln. Es geht darum, festzustellen, wenn etwas nicht stimmt. Im Kurs lernt man also Leitsymptome zu erkennen und wie man Betroffene darauf anspricht.“

Das richtige Werkzeug zum Ansprechen und qualifizierten Rat geben

Zu Beginn geht es erst einmal allgemein um die psychische Gesundheit. Darauffolgend werden die häufigsten psychischen Störungen durchgesprochen: Depressionen, Angststörungen, Psychosen und Suchterkrankungen. Wie gehe ich mit den Betroffenen um? Wie kann ich in Krisensituationen helfen, etwa bei Suizidalität bei Betroffenen mit Depressionen oder mit Aggressionen bei anderen Erkrankungen? „Im Kurs soll das richtige Werkzeug zum Ansprechen vermittelt werden. Teilnehmer lernen einen qualifizierten Rat zu geben“, sagt Deuschle. „Ihnen wird das Hilfssystem erklärt: Wo sind lokale Anlaufstellen? Wo kann sich ein Betroffener oder eine Betroffene vorstellen, damit ihm oder ihr eine Diagnose gestellt wird und wo er oder sie sich in Behandlung geben kann. Sie lernen also mit Betroffenen kompetent umzugehen und sie zu ermutigen, professionelle Hilfe zu suchen.“

In den Kursen wird mit Rollenspielen gearbeitet, Fallbeispiele besprochen und Verhaltensregeln gelernt. Ein Beispiel: Bei Depressionen gehört zum Beispiel Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Antriebsmangel zu den typischen Symptomen. Menschen mit Depressionen sind meist in ihren Funktionen eingeschränkt. Sie werden ihren Rollen in Familie und Beruf nicht mehr gerecht. Ein Ersthelfer lernt diese Muster zu erkennen. Dann heißt es: Lieber einmal zu oft ansprechen als einmal zu wenig. Besser ansprechen als abzuwarten – „das ist die Haltung, die im Kurs vermittelt wird“, sagt Deuschle.

Menschen in einer Krise sollten sich so früh wie möglich in eine Behandlung begeben

Denn dass sich Menschen mit psychischen Problemen früh in Behandlung begeben, ist besonders wichtig. „Wenn Menschen mit Depressionen spät eine Behandlung beginnen, ist das Risiko für einen Suizidversuch höher. Bei Psychosen sind die sozialen Folgen ungünstiger“, sagt Deuschle. „Je früher also eine Behandlung beginnt, umso mehr verbessern sich die Prognosen.“

Auch für Angehörige ist es wichtig, einen Umgang mit Betroffenen zu finden. Das könne die Hilflosigkeit verringern, so Deuschle. „Eigentlich kennt fast jeder jemanden mit psychischen Störungen“, sagt der Arzt. Trotzdem habe man den Betroffenen gegenüber ein Unbehagen. „Man hat Sorge, dass man etwas falsch macht. Man weiß nicht, wie man das Thema anspricht. Da spielt auch ganz viel Scham und Stigmatisierung mit hinein. Das ist ein gesellschaftlicher Effekt. Wir wünschen uns, dass das Stigma durch die Kurse reduziert wird.“

Wer sich weiter mit dem Thema „Psychische Gesundheit“ auseinandersetzen möchte, vielleicht auch einen Rat braucht, gerade aber nicht die Möglichkeit hat, professionelle Hilfe zu holen, findet auf der Internetseite des Programms Richtlinien zum Umgang mit Betroffenen zu verschiedenen Themen, wie zum Beispiel Essstörungen, nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten – oder auch psychischen Belastungen während der Corona-Krise. Menschen, die sich in einer Krise befinden, sollten allerdings immer professionelle Hilfe suchen. 





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