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Film ǀ Leben mit Toten — der Freitag


Clairvius Narcisse klingt wie ein Name, den Bertrand Bonello erfunden hat. Zuzutrauen wäre dem französischen Regisseur diese anmutig lautmalerische Kombination. Der Vorname weckt Assoziationen zu einem klaren Blick, welcher im Nachnamen gleichsam auf ein Spiegelbild trifft. Fast ist der sprechende Name eine Metapher für das Werk des hellsichtigen Regisseurs, das von der Figur des Doubles heimgesucht wird.

Aber Clairvius Narcisse, der in seinem neuen Film eine tragende Rolle spielt, hat es wirklich gegeben. Der Lebensweg des Haitianers war außerordentlich. Er wurde zu einem Streitfall zwischen Mythos und Wissenschaft. 1962 soll er durch einen bösen Zauber vergiftet und fortan als Untoter zur Sklavenarbeit in den Zuckerrohrfeldern verdammt worden sein. 1980 jedoch gelang es dem Zombie, nun dank eines guten Zaubers, in die Welt der Lebenden zurückzukehren, der er danach noch 16 Jahre angehörte. In den Abspanntiteln von Zombi Child nimmt der Regisseur dies als historische Wahrheit. Das Voodoo-Ritual mit einem Kugelfisch, das eingangs den Fluch über Narcisse’ Dasein verhängt, sowie sein späteres Irrlichtern durch Hell und Dunkel, durch Urwald und Zivilisation, filmt er mit beinahe dokumentarischer Nüchternheit: Gerade so, als habe der Untote, der ohne Gefühle und Gedächtnis weiterwesen muss, eine stillschweigende Übereinkunft mit der Wirklichkeit getroffen. Es verwundert nicht, dass seine ruhelosen Wanderungen Narcisse auch einmal zu seinem eigenen Grabstein führen.

Der Rap und die Republik

Insgeheim ist dieser Erzählgestus natürlich ein magischer Realismus. Bonello erfindet Clairvius Narcisse eben doch, als filmische Figur (verkörpert von Mackenson Bijou) – und beschert ihm eine nicht weniger bemerkenswerte Nachkommenschaft. Auf der Gegenwartsebene, die er mit den Rückblenden nach Haiti montiert, versenkt der Film seinen Blick in den Alltag eines Pariser Mädcheninternats. Mélissa (Wislanda Louimat), deren Eltern beim Erdbeben auf Haiti ums Leben kamen und die sich bald als die Enkeltochter des Zombies entpuppen wird, ist neu in der Klasse und zieht die Neugier von Fanny (Louise Labeque) auf sich, die sie gern zu einem Mitglied ihrer Mädchengang machen würde.

Diese Schwesternschaft widmet sich ganz zeitgenössischen Zerstreuungen – eine erste Verliebtheit, ein reges Leben in den sozialen Medien, die Begeisterung für den pornografischen Rap von Damso –, wird durch das anspruchsvolle Curriculum aber fest in nationale Werte und Traditionen eingebunden. Auf dem Stundenplan steht anfangs das Problem der Freiheit, welche durch die Französische Revolution eröffnet und womöglich auch verraten wurde.

Die der Ehrenlegion zugehörige Eliteschule folgt ehernen republikanischen Ritualen. Sie steht nur Schülerinnen offen, deren Vorfahren sich um Frankreich verdient gemacht haben. Mélissa wurde zugelassen, weil ihre Mutter für den Kampf gegen die Duvalier-Diktatur mit dem Orden der Ehrenlegion dekoriert wurde. Gegründet wurde die Schule 1804 von Napoleon ursprünglich für Kriegswaisen; im selben Jahr, in dem sich Haiti die Freiheit von der Kolonialmacht Frankreich erkämpfte: eine gewiss zufällige Gleichzeitigkeit, die jedoch Bonellos Netz historischer und kultureller Verknüpfungen weiter verdichtet.

Das Gesamtwerk Bonellos, dieses stolzen Unberechenbaren unter den Autorenfilmern Frankreichs, kann man bis Ende des Monats im Berliner Arsenal studieren. Bei aller Heterogenität lassen sich enge Verbindungen zu seinem neuen Film ziehen – namentlich sein Faible für verwunschene Orte, in denen Traum und Realität in rätselhafter Symmetrie zueinanderfinden. Zombi Child ist aus zweifachem, fasziniertem Erstaunen entstanden, über die Geschichte von Narcisse und die Existenz der aus der Zeit gefallenen Schule. Nach dem schlagenden Misserfolg seines Attentats-Films Nocturama (2016) hat er ihn wie ein B-Picture gedreht, ganz schnell und mit unbekannten Darstellern. Darin stellt er sich in eine Kinotradition, der er einen zweiten Boden einzieht. Der Vorspann, bei dem der Vollmond über Haiti von Wolken verdeckt und dann wieder freigegeben wird, ist ein zielstrebig ausgelegter Köder für Cinephile, denn er weckt augenblicklich Erinnerungen an die poetisch dräuende Atmosphäre in Jacques Tourneurs Klassiker Ich folgte einem Zombie. Die Voodoo-Zeremonien, die er in Vergangenheit und Gegenwart filmt, sind Kino par excellence: ein frenetischer Taumel der Zeichen, Fetische, und Bewegung. Aber Bonello führt sie zu ihrem karibischen Ursprung zurück und setzt sich damit von der kulturellen Aneignung ab, die das Mainstreamkino seit George Romeros Zombiefilmen, ihren wüsten Nachahmern und Spätlichtern des Genres wie der Walking-Dead-Saga betreibt. Narcisse’ Zombiefizierung interessiert ihn als ein sozialer Tod, als Ausscheiden aus der Gemeinschaft.

Die zwei unterschiedlichen, scheinbar in sich geschlossenen Welten kommen sich im Verlauf des Films immer näher. Montage, Lichtsetzung und Motivik zurren sie entschlossen zusammen: Sie grundieren einander. Mélissa muss ein Initiationsritual bestehen, um in die Schwesternschaft aufgenommen zu werden. Fanny will sich von deren Tante Katy (Katiana Milford), einer sogenannten Mambo, in einer magischen Zeremonie von ihrem Liebeskummer befreien lassen. Mit dieser Figur tritt der Film in eine dritte, vermittelnde Sphäre ein. Katy hält Zwiesprache mit den Opfern des Erdbebens, empfängt Nachrichten aus der Welt der Toten. Durch ihre Präsenz wird Zombi Child zu einer postkolonialen Beschwörung, die nicht nur mit Bonellos weiteren Filmen kommuniziert, sondern ein prächtig aktuelles Doppelprogramm mit Pedro Costas Vitalina Varela (der Freitag 37/2020) bilden würde.

Zombi Child Bertrand Bonello Frankreich 2019, 103 Minuten



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