Fleischbetriebe in der Corona-Krise: Drama „Schweinestau“ auch im zweiten Lockdown


Manche Begriffe wirken lustiger als die Wirklichkeit. „Schweinestau“ gehört dazu. Der hat in diesem Jahr in der Landwirtschaft Karriere gemacht. Weil wegen Corona-Infektionen Schlachthöfe wie der Großbetrieb Tönnies vorübergehend schließen mussten, und weil dann auch noch wegen der Afrikanischen Schweinepest der Großabnehmer China den Import von Schweinefleisch stoppte, blieben Bauern auf ihren Schlachttieren sitzen. Der Stau – das waren nicht hintereinanderhertrottende Schweine wie auf einer verstopften Autobahn. Es bedeutete: Der Platz im Stall wird eng.

Die ersten großen Probleme habe es im Herbst gegeben, erzählt Florian Schulze, in dessen Stall im brandenburgischen Niemegk normalerweise 350 Sauen Platz finden – und 2500 Ferkel. Mit dem zweiten Lockdown beginne nun gerade die zweite Stauwelle. Geschlossene Restaurants, keine Würstchenbuden in Sportstadien, keine Feste mit Spanferkel – alles addiere sich da zusammen. „Es ist dann extrem schwierig, Ferkel und Mastschweine loszukriegen.“ „Erst mal ein bisschen enger stellen“, sagt Schulze.

Für die Schweinezüchter fängt das Problem da erst an: Ein genau abgesteckter so genannten „Produktzyklus“ legt das optimale Schlachtgewicht für Schweine fest. Die Schlachthöfe wollten gerne „immer den gleichen Schinken“ produzieren, sagt Schulze. „Wenn die Schweine ein oder zwei Wochen weiter wachsen, sind sie schwerer. „Dann gibt es weniger Geld.“

Und das ist besonders spürbar, weil der China-Markt eingebrochen ist. Der hatte den Schweinepreis Anfang des Jahres noch auf Preise von 95 Euro für ein 28-Kilo-Schwein getrieben, erzählt Schulze. „Jetzt sind es 22 Euro. Das ist so wenig wie lange nicht.“

Immer wieder haben daher Bauern in den vergangenen Monaten vor Lebensmittel-Ketten demonstriert, um höhere Abnahmepreise zu bekommen. Rewe und Lidl haben mittlerweile zugesichert, einen Mindestpreis zu garantieren.
Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied, fordert, dies müsse. „Einige Lebensmittelhändler haben signalisiert, mehr für die Landwirte tun zu wollen. Das darf aber keine PR-wirksame vorweihnachtliche Eintagsfliege sein, sondern muss ein nachhaltiges Prinzip werden“, sagte er dem RND. „Wir können uns einen Deutschland-Bonus vorstellen, gekoppelt an die hohen deutschen Erzeugungsstandards. Es sollte allen in der Lieferkette klar sein, dass der erzielte Mehrwert direkt an die Bauern weitergegeben werden muss.“

Anderer Umgang mit Schlachthöfen erforderlich

Um künftig zu vermeiden, dass es bei Landwirten zu so genannten „Schweinestaus“ komme, müsse ein anderer Umgang mit Schlachthöfen gefunden werden. „Vorübergehende komplette Schließungen von Schlachtbetrieben müssen zukünftig unbedingt vermieden werden“, sagte Rukwied. „Es muss alles dafür getan werden, dass die Schlachtwirtschaft auch weiterhin arbeitsfähig bleibt.“

Bei Coronafällen in Betrieben der Fleischwirtschaft müssten die zwischen einzelnen Unternehmen und Behörden vereinbarten und nachweislich guten Konzepte umgesetzt werden. Zudem müssten „alle arbeits- und genehmigungsrechtlichen Möglichkeiten genutzt werden, damit nicht betroffene Unternehmen kurzfristig und zeitlich begrenzt auftretende Ausfälle anderer Schlachtbetriebe kompensieren können“.





Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.