„Ich bekam keine Luft mehr“: Was Arzneimittel-Allergien für Patienten bedeuten


Petra Gallo (54) aus Köln-Bickendorf erinnert sich: „Ich war im Urlaub auf Korfu und bin nachts aufgewacht, weil mir so warm war. Ich habe mehrere Atemzüge am Fenster gemacht und nach fünf, zehn Minuten ging es los, dass ich keine Luft mehr bekam.“ Gallo trommelte mit den Fäusten gegen die Wand. Ein Taxi fuhr sie notfallmäßig ins nächste Krankenhaus. Das war 2011. Die Diagnose lautete COPD, Stufe 4., die schwerste Stufe der chronisch-obstruktiven Bronchitis. Es war der Beginn eines immer eingeschränkteren Lebens.

Immer wieder Antibiotika

Die schwerkranke Frau trägt ein Säckchen um den Hals für ihr bronchienerweiterndes Spray, als wir sie im Krankenhaus der Augustinerinnen treffen. Sicherheitshalber gleich zwei Stück. Ohne das Medikament schafft sie es nicht mal bis zur Toilette. Vor allem nachts wacht sie immer wieder auf mit Luftnot, Erstickungsanfällen. Das Spray beschleunigt den Herzschlag, deshalb darf sie es nicht ständig nehmen. Gegen die Schmerzen in den Atemwegen schluckt sie drei Mal täglich Opiate in Form von Tabletten. Gegen die Entzündungen – nach einer verschleppten Lungenentzündung konnte nur noch ein Luftröhrenschnitt ihr Leben retten – nahm sie jahrelang unzählige Antibiotika. Weitere Infektionen folgten, immer wieder Antibiotika. Auf einmal war nicht mehr klar, ob das Antibiotikum oder die Infektion die Luftnot verstärkten. Sie reagierte zunehmend allergisch, außer mit Luftnot auch mit Schwellungen, Hautveränderungen, Kreislaufinstabilität.

Tests bei Spezialistin

2019 stellte man dann allergische Reaktionen gegen fast ein Dutzend Arznei-Wirkstoffe fest, einschließlich Penicillin. Gallo fing sich neue Infekte ein, bekam weiter Antibiotika, aber danach ging es ihr nur noch schlechter. „Es ist wie ein Sechser im Lotto, dass ich das alles lebend überstanden habe“, sagt sie. Denn nach monatelangem Herumprobieren nahm sich endlich eine Spezialistin für Medikamentenallergie ihres Falles an.

Oberärztin Allergologie Dr. Stefani Röseler

Oberärztin für Allergologie Dr. Stefani Röseler

Dr. Stefani Röseler forschte bei Gallos ehemaligen Ärzten nach, worauf sich welcher Eintrag im Allergiepass gründete. Dann überprüfte sie die vier bedeutendsten Wirkstoffe, zunächst im Blut, dann mittels Prick-Test (dafür gibt man winzige Mengen in die leicht eingeritzte Haut) und intrakutan (unter die Haut gespritzt) – letztendlich in einer Provokationstestung. Gallo lag auf Station, rund um die Uhr überwacht, wegen der Gefahr einer überschießenden Immunantwort. Ergebnis: Keinerlei Reaktion auf die vier untersuchten Medikamente. Gallo kann sich gegen Infekte wieder besser gewappnet fühlen.

Rückenmuskulatur stärken

„Wir versuchen nun, die Rückenmuskulatur zu stärken“, erläutert Dr. Urte Sommerwerck, Chefärztin der Pneumologie am Krankenhaus der Augustinerinnen. Die Patientin trainiert den Oberkörper mit ganz leichten Hanteln, im Sitzen, nur wenige Minuten. Denn noch ist sie zu schwach, um einen Rucksack mit Sauerstoff zu tragen.

Mit Dr. Stefani Röseler haben wir darüber gesprochen, wie häufig Fälle wie der von Petra Gallo vorkommen – und was sie für die Betroffenen bedeuten. Sie ist Oberärztin im neu gegründeten Allergie- und Anaphylaxiezentrum am Krankenhaus der Augustinerinnen Köln.

Im Interview mit Dr. Röseler

Allergisch gegen Medikamente – wie oft gibt es das?

Etwa fünf bis 10 Prozent der Erwachsenen leiden unter einer Arzneimittel-Allergie. Antibiotika sind die am häufigsten problematische Wirkstoffklasse. Je häufiger Medikamente – insbesondere Antibiotika – gegeben werden, desto häufiger kommt es zu allergischen Reaktionen. Sie können bei Medikamenten sehr unterschiedlich sein, vom lebensbedrohlichen allergischen Schock bis zu langanhaltenden, juckenden Hautausschlägen. Und nicht nur die gegebenen Medikamente, auch die behandelten Infekte selber können einen Hautausschlag auslösen und manchmal – wie bei Frau Gallo – Luftnot und Kreislaufinstabilität. Wenn wir dann in der Klinik unter kontrollierten Bedingungen systematisch einzelne Arzneimittel und Wirkstoffe überprüfen, erledigt sich vieles von dem, was als Allergie angenommen wird. Das ist die positive Botschaft: Dass es, wenn man gründlich testet, sehr oft auch eine Entwarnung gibt. Aber die Diagnostik birgt viele Tücken.

Was ist so schwierig an der Diagnose einer Arzneimittel-Allergie?

Man kann eine Arzneimittel-Allergie sehr viel seltener im Blut sehen. Die Gedächtniszellen des Immunsystems speichern die pharmakologische Substanz, auf die bestimmte Körpereiweiße übermäßig heftig reagieren, zwar ab. Diese Immunantwort ist jedoch nach längerer Zeit oft nicht mehr im Blut nachweisbar.

Gilt das auch für Penicillin?

Ja, dabei gehören die Penicilline aus der Gruppe der Betalaktam-Antibiotika mit Amoxicillin und Cefuroxim noch zu den am besten untersuchten Antibiotika. Bei einer Penicillin-Allergie zeigen sich häufig Arzneimittel-Ekzeme – ein heftig juckender Hautausschlag, der Tage anhält. Schlimmstenfalls können aber auch sofortige Reaktionen wie ein anaphylaktischer Schock auftreten. Genauso heftig wie bei Erdnussallergie kommt es kurz nach der Einnahme zu Juckreiz, gegebenenfalls Husten, Luftnot, Gesichtsschwellungen und – bei schwerem Verlauf – zu Bewusstlosigkeit. Dieses Risiko besteht auch bei ähnlich aufgebauten Medikamenten. Deshalb würde man Patienten, die auf ein bestimmtes Antibiotikum allergisch reagieren, immer empfehlen, auch auf andere Antibiotika aus derselben Wirkstoff-Gruppe zu verzichten, bis eine genaue Testung erfolgt ist.

Pseudo-Allergien sind häufig

Wird eine Allergie auf Antibiotika verschlimmert durch Antibiotika-Resistenzen?

Nein, aber wenn ein Patient eine Antibiotika-Resistenz hat, und dann noch eine Antibiotika-Allergie oben draufkommt, wird es ganz schwierig, ihn bei einer akuten Infektion zu behandeln. Wir sehen im klinischen Alltag oft, dass häufig auch ohne Allergie-Diagnostik schon Reserve-Antibiotika verabreicht werden. Dadurch wird die Auswahl an gut verträglichen Alternativen eng.

Ist die Neigung zur Arzneimittel-Allergie angeboren?

Eher nicht. Ich muss ein Medikament einige Male bekommen haben, damit sich der Körper dagegen sensibilisiert. Wenn ich im Dschungel leben würde und nie Kontakt mit einem Wirkstoff hatte, hätte ich auch keine Arzneimittel-Allergie. Viele Menschen sagen, sie wären gegen Aspirin allergisch. Die Reaktionen auf Schmerzmittel sind selten richtig allergisch. Es sind eher Pseudo-Allergien, die alle Schmerzmittel, auslösen können, ob nun Ibuprofen, Paracetamol oder – am stärksten – die Acetylsalicylsäure (ASS) im Aspirin. Es ist eher eine Intoleranz wie bei Lactose (Milchzucker), wo der Abbauprozess vom Körper nicht gewährleistet wird. Diese Pseudo-Allergien auf Schmerzmittel machen bei Asthmatikern häufig Luftnot, aber es kann auch zu Quaddeln oder Juckreiz und Kreislaufversagen kommen. Alternativ werden als Schmerzmittel oft Cox-2-Hemmer vertragen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Auch bei der sog. Analgetika (=Schmerzmittel)-Intoleranz sollte man den Anwendungsversuch nicht ohne ärztliche Aufsicht starten. Der Allergietest ist bei den Betroffenen immer negativ. Deshalb ist die Provokationstestung der einzige Weg zur Bestätigung der Diagnose.

Wie ließe sich die Diagnose verbessern?

Es ist wichtig, dass Leute, die einen allergischen Schock und/oder eine Medikamentenallergie hatten, schnell zur Testung kommen. Je kürzer das Ereignis zurückliegt, desto besser. Zusammen mit der Universitätshautklinik Aachen und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) suchen wir zudem nach neuen Wegen, Arzneimittelallergien verlässlicher als bisher im Blut zu diagnostizieren. Im Forschungsprojekt INA (In-Vitro-Nachweis-Arzneimittelallergie) werden die Zellen im Blut darauf untersucht, welche Gen-Areale in den Zellen aktiviert sind und welche Eiweiße vermehrt auftreten. Im Severinsklösterchen steht diese Testung im Rahmen des Forschungsprojektes bereits zur Verfügung.





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