Pressebank Deutscher Buchdaten

Pressebank präsentiert Bücher

Interview ǀ „Was willst’n du Zoni hier?“ — der Freitag


Alexander Kühne ist der echte Protagonist einer der schönsten Musik-Geschichten der DDR: In Lugau, einem 500-Seelen-Dorf in Brandenburg, gründete er 1985 den Jugendclub „Extrem“ – und machte ihn trotz zahlreicher Widerstände der Autoritäten rasch zu einem Hotspot der DDR-Subkultur. Von dieser Zeit erzählte er in seinem Debüt Düsterbusch City Lights (2016). Das Buch diente als Vorlage für die Doku Lugau City Lights, die für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert wurde. Jetzt ist der Nachfolger Kummer im Westen erschienen. Ein Gespräch über die uncoole Band Nirvana, Grünkernklopse im Frauencafé, und DDR-Normalos, für die man sich geschämt hat.

der Freitag: Herr Kühne, Ihr erster Roman diente im Frühjahr als Basis für „Lugau City Lights“, eine TV-Dokumentation über den Jugendclub „Extrem“. Wie war es für Sie, dem Thema noch einmal dokumentarisch zu begegnen?

Alexander Kühne: Das war nicht ohne. Wieder einzutauchen ins Dorf, dort noch mal die Runde zu drehen, das hat mich schon angefasst. Aber es war auch toll, wieder in diesem Saal zu stehen. Plötzlich waren die ganzen Leute wieder da. Bands, die damals spielten, Besucher, aber vor allem diejenigen, die damals aktiv waren. Alle waren wieder so euphorisch. Andererseits war es schade, dass die Antagonisten nichts sagen wollten. Natürlich hätte ich auch gerne etwas von den Leuten gehört, die uns damals verfolgt haben.

Hatten Sie die denn angefragt?

Ja, aber die wollten nicht. Einer von der FDJ-Kreisleitung war bereit, aber der sagte, als wir fragten, wie die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit und den anderen Organen so lief, nur: alles wunderbar, er habe keine Fehler gemacht! Das wollten wir dann natürlich auch nicht im Film haben.

Was gab den Anstoß für die Fortsetzung?

Den Anstoß hat der Konflikt gegeben, in dem sich mein Held befindet. Er ist ja in gewisser Weise unsympathisch, einfach eine sehr gebrochene Figur. Aber es ist eben auch jemand, der seine innere Freiheit lebt. Jetzt, nach dem Zusammenbruch der DDR, hat er plötzlich auch die äußere Freiheit. Was macht er daraus? Wie gestaltet er sein Leben neu? Und: Wird er ein besserer Mensch?

Wie ist das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität?

Es ist viel mehr erfunden – aber immer so, dass es auch in echt passieren hätte können! Die Irina, die in diesem Buch Antons große Liebe ist, besitzt zum Beispiel Parallelen mit einer echten Freundin von mir, aber die hatte ich in einer ganz anderen Zeit.

Am Anfang lebt Ihr Held ein Slacker-Leben, verteilt linke Blätter in feministischen Cafés …

Das ist komplett meiner Fantasie entsprungen! Aber ich bin ein paar Jahre später aus so einem Laden geschmissen worden. Das war das Café Seidenfaden in Mitte. Als ich mich da hingesetzt hatte, weil ich Grünkernklopse essen wollte, schallte mir ein „Raus, du Schwein!“ entgegen – ich hab’ einfach nicht mitbekommen, dass da Männer keinen Zutritt hatten. Das war ja auch ganz kurz nach der Wende, Diskriminierung von Frauen wurde in meinem Lugauer Kosmos gar nicht besprochen.

Einmal besucht er ein Konzert von Nirvana und TAD im Berliner „Loft“. Solche Bands haben Sie in Lugau in den Nachwende-Jahren auch noch gebucht, oder?

Klar. Crime And The City Solution haben bei uns gespielt, die stammten aus dem Nick-Cave-Umfeld. Mega City Four waren da, und sogar eine Band aus Japan: Stalin hießen die, in ihrer Heimat waren die richtige Stars. Die sind mit Bussen vorgefahren und unter jeden Deichselwagen gekrochen. Alles total kaputt, das war für die ein Fest, da klickten die Fotoapparate! Das waren großartige Momente. Aber genau das wollte ich nicht ein zweites Mal erzählen. Die Sache mit den Konzerten wurde für mich auch zur Quälerei. Das Kapitel, Bands nach Lugau zu holen, war für mich schon vor der Wende abgeschlossen, aber ich wusste nicht so recht, was ich tun sollte.

Alexander Kühne, geboren 1964, Lehre in einer Schraubenfabrik, organsierte Punk- und New-Wave-Konzerte in seinem Heimatdorf Lugau. 1990 Umzug nach Berlin, Ausbildung zum Fernsehjournalisten. Kummer im Westen ist sein zweiter Roman (Heyne Hardcore)

Sie haben nicht nur Rockkonzerte, sondern auch Techno-Partys veranstaltet …

Aber damit hatten wir keinen Erfolg. Wir waren einfach zu früh dran. Ich dachte, es würden massig Leute aus Berlin kommen. Die blieben aber alle zu Hause! Die ganzen Rocker standen mit verschränkten Armen da, während Paul van Dyk auflegte. Auf der Tanzfläche waren wir zu fünft. Dafür hab’ ich mich natürlich geschämt, aber van Dyk war sehr nett. Er sollte 1.200 Mark bekommen. Er hat dann nur die Hälfte genommen und bei meinem Kumpel Detlef im Kinderbett geschlafen.

Das Nirvana-Konzert ist eines dieser Konzerte, von denen viele in Berlin behaupten, dabei gewesen zu sein. Im Buch putzen Sie das ein bisschen runter. War’s doch nicht so legendär?

Eigentlich waren wir wegen der Hauptband TAD da. Als Nirvana spielten, saßen wir noch draußen und tranken billigen bulgarischen Wein. Ich war immer eher Popper. Grunge fand ich am Rande interessant, aber Nirvana? Die sahen doch aus wie eine Band auf einem Konzert im Spreewald.

War der Umzug in die große Stadt eine harte Landung für Sie?

Ja, total. Erst mal die Ostberliner mit ihren großen Fressen und ihrer Rücksichtslosigkeit. Dann die Westberliner, noch ’nen Zacken schärfer. Die hat einer wie ich einfach überhaupt nicht interessiert. In der Provinz hat man über mich und das, was ich machte, gestaunt. Jetzt hieß es: „Was willst’n du Zoni hier? Geh ma’ stiften!“

Dass DDR-Lebensentwürfe nach der Wende entwertet wurden, hört man häufig.

Ich war nach der Wende auf den Berlin Independence Days und auf der ersten Popkomm, die damals noch in Köln stattfand. Ich habe versucht, den ganzen Leuten zu erklären, was wir in Lugau machten. Das hat die nicht interessiert. Die wollten, dass die DDR sich auf Uncooles und Skurriles reduziert. Man musste quasi im Mao-Anzug rumgelaufen sein und Puhdys gehört haben. Der Witz ist natürlich, dass ich gar nicht so aussah, ich hatte ja total viele Klamotten aus dem Westen. Gegenüber diesen Normalos in Plunderjacken waren wir, die wir einer Szene zugehörig waren, ja auch arrogant.

Wie äußerte sich das?

Ich erinnere mich noch gut an die Leute, die in den Westen strömten, als die Mauer auf war. Und daran, wie eine Frau an der Wilmersdorfer Straße auf einer Bank stand und Milka-Tafeln und Bananen in die Menge warf. Da habe ich mich eher geschämt.

Sie erzählen auch, wie in sehr sehr kurzer Zeit die Bier- und Zigarettenmarken einmal komplett ausgetauscht werden.

Das Dessauer Bier wollte niemand mehr trinken. Die haben das wirklich weggeschüttet. In dem Moment war der Niedergang der DDR besiegelt. Ich dachte damals über so etwas nicht groß nach, war an den wirtschaftlichen Zusammenhängen kaum interessiert. Die Rolle übernimmt im Buch Antons Freundin Irina. Sie fragt: Was bleibt denn noch, wenn nichts mehr konsumiert wird, was hier hergestellt wird?

Eine der interessantesten Figuren im Buch ist Kotte. Diese eher brutale Erscheinung, total tätowiert, ist plötzlich Versicherungsagent. War denn so eine „Karriere“ nach der Wende möglich?

Die Versicherungen haben solche Leute tatsächlich benutzt. Kurz ausgebildet, die irgendwelche Verträge abschließen lassen, dann aber bald wieder entlassen – da hast du plötzlich Leute mit Anzug und Koffer gesehen, da hast du dir gedacht: Das kann doch nicht wahr sein, was ist denn das für ein Typ? Jemand wie Kotte war im Prinzip verloren. Das war einer von denen, die oft im Knast waren. In der DDR sollten die nicht fallengelassen werden. Die haben immer wieder eine Wohnung gestellt bekommen, dann haben sie sich wieder geprügelt, dann kamen sie wieder ins Gefängnis. Es gab am Ende der DDR eine große Amnestie – um diese Leute hat sich anschließend keiner mehr gekümmert. Da wusste man: Bei denen ist es jetzt echt vorbei.

Die Konflikte mit FDJ, Stasi und den anderen Vertretern der Obrigkeit tauchen im zweiten Buch nur am Rand auf. Wie hat sich in den Jahren Ihre Gefühlslage denen gegenüber verändert?

Ich habe auch IMs in meiner Akte, die ich erst vor ein, zwei Jahren entdeckt habe. Die habe ich nach der Wende nicht darauf angesprochen, wenn die so Pipifax erzählt haben, ich hätte eine Jeansjacke verkauft oder so. Es gab einen, der mehr über mich berichtet hat, aber der ist schon tot. Natürlich gehe ich etwas milder damit um als vor 20 Jahren. Aber an meiner grundsätzlichen Haltung würde ich nicht rütteln. Ich würde niemals sagen: Im Grunde genommen war das doch nicht so schlimm.

Wenn Sie an das nächste Anton-Kummer-Buch denken: Welchen Zeitabschnitt wollen Sie abdecken?

Ans nächste Buch? (lacht) Wenn ich einen dritten Teil schreiben würde, würde der in der Gegenwart spielen. Die ganzen Verwerfungen, die ganzen Widersprüche. Wer ist den Sozis treu geblieben, wer ist in der AfD, wer ist Verschwörungstheoretiker? Und wer möchte immer noch die Welt verbessern? Zu schauen, wo diese ganzen Charaktere geblieben sind und was aus dem Dorf geworden ist, das wäre interessant.



Source link

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

© 2020 Pressebank Deutscher Buchdaten

Thema von Anders Norén

9413 Besucher online
9413 Gäste, 0 Mitglied(er)
Jederzeit: 9413 um/am 10-23-2020 06:06 pm
Meiste Besucher heute: 9413 um/am 06:06 pm
Diesen Monat: 9413 um/am 10-23-2020 06:06 pm
Dieses Jahr: 9413 um/am 10-23-2020 06:06 pm
%d Bloggern gefällt das: