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Kapitalismus ǀ Aus nichts wird etwas — der Freitag


Alles ist gläsern und doch undurchsichtig: in langen Totalen fängt die Kamera die modernen Architekturen von Banken und Investmentfirmen ein. Außen die glatten, gläsernen Fassaden, im Inneren Schreibtische mit Monitorbatterien, lichtdurchflutete Höfe, sterile Grünanlagen und leere Besprechungsräume. Auf einer Werbetafel bebildert ein Steg inmitten eines Bergpanoramas den Slogan „Seek Value Everywhere“.

Es sind wunderbar meditative Bilder, zugleich erzählen die Architekturen, für die Dokumentarfilmerin Carmen Losmann sich in Oeconomia interessiert, eine eigene Geschichte. In ihrem furiosen Debüt Work Hard – Play Hard (2012) waren sie der bauliche Ausdruck des neoliberalen Human-Ressource-Managements: die Firmenzentralen der „Global Players“ mit ihrer suggerierten Polstermöbel-Heimeligkeit und den Arbeitsplatzkonzepten , die die Kreativität der Arbeitnehmer ebenso beflügeln sollen wie die Bereitschaft zur Selbstoptimierung und zur Auflösung der Grenzen zwischen Beruf und Privatleben.

In Oeconomia, ihrem Film aus dem „Maschinenraum des Kapitalismus“, wie es einmal heißt, sind die sterilen, durchsichtigen Architekturen die Hüllen des undurchsichtigen Finanzsystems; eines Systems, das auf Hybris fußt. Ein anonymer Bankangestellter erklärt das Problem wie folgt: „Für steigende Gewinne und steigendes Wirtschaftswachstum ist eine ständige Ausweitung der Verschuldung nötig. Das ist der berühmt-berüchtigte ‚elephant in the room‘, über den niemand spricht.“

Es ist erstaunlich, wie wenige der teils hochrangigen Interviewpartner im Film so offen sprechen wie dieser Mann. Das Finanzsystem hat etwas Hermetisches, und natürlich sind der Geldverkehr und die Verquickung von Investor, Bank und Staat für „Normalsterbliche“ alles andere als leicht zu durchblicken. Wie sich also dokumentarfilmisch mit diesem abstrakten Thema auseinandersetzen?

Anders als Work Hard – Play Hard, der ohne Off-Kommentare auskam und über die streng konzentrierten Bilder funktionierte, hat Losmann ihr neues Werk als Lehrfilm angelegt. Sie selbst führt als Off-Stimme durch nachgestellte Recherchetelefonate und macht ihre Gedankengänge in Skizzen auf einer computergenerierten Rastermatrix transparent. „Wie entsteht Geld?“, ist eine der Fragen, die Losmann auf der Matrix notiert. Wer produziert es? Und warum wachsen Wirtschaft und Verschuldung seit Jahrzehnten gleichermaßen an?

Was zunächst naiv wirken mag, entwickelt schnell einen Sog. Losmann zelebriert die Sichtbarmachung auf allen Ebenen, sie gräbt sich immer tiefer hinein in den Maschinenraum. „Die Profite von heute sind die Schulden von morgen. Die Schulden von heute sind die Profite von morgen“, notiert Losmann auf ihrer Matrix und zoomt durch das Raster hinein ins Geschehen.

So nüchtern sie auch zu Werke geht: Die Spielregeln des Kapitalismus haben etwas von absurdem Theater. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass Losmann meist nur Reenactments von Beratungs- und Teamgesprächen filmen darf und am Telefon abserviert wird. Herrlich auch, dass sie die Erlaubnis bekommt, eine Besprechung von außen durch eine gläserne Schiebetür zu filmen. Transparente Geschlossenheit par excellence!

Mit ihren scheinbar naiven Fragen bringt Losmann einige der Finanzprofis, die für ein Interview bereit waren, ins Straucheln. „Es funktioniert nur, solange es funktioniert“, erklärt einer. Aha! Ein anderer kann nicht recht erklären, wo Gewinne im gesamtwirtschaftlichen Nullsummensystem denn eigentlich genau herkommen. Viel Ratlosigkeit, nicht selten auch Überheblichkeit bei den Männern mit den perfekt sitzenden Anzügen.

Auch wenn einem bewusst sein mag, dass spätestens mit der Abschaffung des Goldstandards kein physischer Gegenwert mehr für weltweite Transaktionen irgendwo lagert, macht die sogenannte Geldschöpfung, die Losmann sichtlich fasziniert, doch baff. Ein Kredit – und schon wird aus nichts etwas in dieser Welt, in der der Schuldner der zentrale Akteur ist. Losmann spinnt ein enges Netz aus aufeinander aufbauenden Erkenntnissen und veranschaulicht die Perfidität unseres enthemmten Kapitalismus. Alles muss weiter wachsen, damit der Laden läuft: die Wirtschaft, die Verschuldung, die Gewinne.

Dass eine Wirtschaftspublizistin, ein Physiker, zwei Informatiker und zwei Volkswirte auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil eine überarbeitete Monopoly-Version spielen, ist ein konsequentes Sinnbild. Wobei diese Gruppe, die Losmann zwischendurch zu Wort kommen lässt, das Geschehen im Vergleich zu vielen der innersystemischen Experten sehr hellsichtig diskutiert.

Losmann hat mit Oeconomia eine nüchterne, absurde Komödie gedreht, die sich immer stärker zu einer Tragödie wandelt. „Wer kollabiert zuerst: unser Ökosystem Erde oder der Kapitalismus, der ein bislang nie erreichtes Spannunsgslevel an Vermögen und Verschuldung aufgebaut hat?“, fasst es jemand zusammen. Wie bitter und ehrlich. Und wie aktuell.

Oeconomia Carmen Losmann Deutschland 2020, 89 Minuten



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