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Kurzgeschichten ǀ Liebe und mache — der Freitag


Sein berühmter Roman Der Vorleser ist in 50 Sprachen übersetzt und war Hintergrund einer gleichnamigen, preisgekrönten deutsch-US-amerikanischen Verfilmung. Und das Buch, mit dem Bernhard Schlink als 51-Jähriger solches Aufsehen erregte, nachdem er schon drei Krimis veröffentlicht hatte, wird hierzulande sogar im Deutschunterricht behandelt. Man kann sich vorstellen, wie viel Diskussionsstoff sich davon ableiten lässt, nicht nur, was den Umgang mit der NS-Vergangenheit betrifft, sondern auch die persönlichen Verstrickungen der beiden Hauptgestalten. Hanna ist, wie sich herausstellt, SS-Wärterin gewesen. Der viel jüngere Michael, der bei ihr die Liebe entdeckte, ahnte es nicht.

Doch vom Autor wird sie nicht als Monster gesehen. Sie wollte vor Gericht nicht zugeben, dass sie Analphabetin war und den Bericht über den Tod jüdischer Frauen in einer von Bomben getroffenen Kirche gar nicht geschrieben haben konnte. Plötzlich stand sie als Hauptschuldige da und bekam eine lebenslange Freiheitsstrafe. Michael hätte sie davor bewahren können, will aber nicht nur ihr Geheimnis respektieren, sondern auch das im Dunkeln lassen, was sie beide verband. Von „Scham“ ist die Rede, und die hat, wie man versteht, in gesellschaftlichen Verhältnissen ihren Grund. Die „heil’gen Hallen“ aus Mozarts Zauberflöte, in denen man die Rache nicht kennt, sind eine wunderbare Utopie. Du kannst geächtet werden, wenn du ehrlich bist. Dabei ist alles grundiert von einer offensichtlich lebenslangen Leidenschaft, die verleugnet wird, verworfen und doch immer wieder hochkommt bis zum Schluss.

Die „Abschiedsfarben“ gab es schon in diesem großartigen Roman. Die Frage nach verleugneter NS-Schuld dürfte vielleicht in manchen Debatten das noch viel Widersprüchlichere überlagert haben, das per se im Menschen ist. Und sich letztlich jeglichem Urteil widersetzt. Dass ihm das so scharf bewusst geworden ist, zeichnet Bernhard Schlink aus. Bekanntlich ist er Jurist, hat mehrere Fachbücher veröffentlicht und interessanterweise 1989/90 als Berater beim Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches der DDR mitgearbeitet.

Das vorliegende ist sein 13. belletristisches Buch. „Geschichten über Abschiede, die belasten, und Abschiede, die befreien“, sagt der Verlag. Dabei hätte man das Buch auch „Altersflecken“ nennen können, nach einem der Texte, aber das hätten die Marketingexperten bei Diogenes wohl abgelehnt. Zu melancholisch. In „Alter“ steckt ja gemeinhin Ende. Das Leben will, auch lesend, nach vorn gedacht sein, um jene Energie zu generieren, die man alltäglich braucht.

Abrücken vom Ich-Erzähler

Fast aus der Mode gekommen ist jenes sinnende Innehalten, das Bernhard Schlink uns schenkt. In der ersten Erzählung, „Künstliche Intelligenz“, spürt man die Erfahrung des Rechtsanwalts, dass Schuld oft gar nicht wahrgenommen wird, weil die innere Festigkeit fehlt, sie auch nur in Betracht zu ziehen. Der Ich-Erzähler hat die Fähigkeit zur Reue nicht. Deshalb rücken wir von ihm ab. Indes werden wir auch auf ihn zugehen müssen unter des Autors prüfendem Blick. Mild-prüfend, es scheint, als habe er alles schon gesehen, als sei ihm nichts fremd, was in den Menschen ist.

Wir sollen verstehen – in„Picknick für Anna“ einen älteren Mann, der wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt werden könnte. Wie schnell kannst du überhaupt reagieren? Und wie tief kann Rechtsprechung eindringen in die Verwirrung der Gefühle? Seltsame Verstrickungen in „Geschwistermusik“. Darf denn der Zorn einer Verlassenen außer dem geschiedenen Mann auch die Schwiegermutter treffen? Aber was heißt „darf“? Unser Gemüt unterwirft sich allzu oft keinen Regeln. Deshalb das Schweigen. Weil wir es nicht verständlich machen können. Und das ist einer der Gründe, weshalb Literatur so wichtig ist. Würden wir nicht lesen, die mögliche Skala des Menschlichen wäre für uns so winzig, dass wir sie durch harte Urteile ersetzen würden. Was allzu oft geschieht.

Schlink aber verweist uns immer wieder auf das, was darüber hinaus alles möglich ist. „So oft wird aus dem Richtigen etwas Falsches. Warum soll nicht ebenso aus dem Falschen etwas Richtiges werden können?“, heißt es am Schluss der Erzählung „Geliebte Tochter“. Oder ist das eine Ausrede? Oder werden aufrichtige Erklärungen allzu schnell abgetan, wenn sie als Ausrede betrachtet werden können? In welchem Maße lebt unsere Ordnung von Unterstellungen, um Sanktionen nicht zu erschweren, die den einzelnen Menschen der Stabilität einer Gesellschaft unterordnen? Der Jurist Bernhard Schlink weiß unser Rechtssystem zu schätzen, aber der Schriftsteller in ihm ist womöglich durch Fragen erwacht.

Und welch große Rolle in menschlichen Konflikten spielt das Missverständnis! Auf welch vertrackte Weise ist es mit eigenen Projektionen verbunden! „Daniel, my Brother“ ist eine großartige Geschichte, so wie man immer wieder staunt, was dem Autor alles eingefallen ist, um eine alltägliche, allzu simple Werteskala zu beleuchten. Auf die konkreten inneren Zustände lenkt er den Blick, die persönliches Handeln erklären können, das sich außerhalb der Norm bewegt, wie auch „Der Sommer auf der Insel“zeigt. Ambivalent, schimmernd in diesem Sinne ist auch besagte Erzählung „Altersflecken“ über eine Liebe, die nicht sein durfte, aber Wirklichkeit war, die zerbrach, aber doch blieb, wie ein alter Mann sich eingestehen muss. „Altersflecken“ versteckt wohl auch der 71-Jährige unter seinem blütenweißen Hemd und seinem teuren Anzug in der letzten Geschichte. Die 33-Jährige, die in„Jahrestag“mit ihm zusammen ist, fühlt sich wohl mit ihm. Ein ungleiches Paar, dabei sind beide erfolgreich, stehen im Leben. Aber er wird dieses Leben höchstwahrscheinlich eher verlassen als sie. Den Überschwang der Jugend bekommt er auf Dauer nicht durch sie zurück. „Was hat Bestand, was hat Bedeutung, wenn die Jahre einfach so davonfliegen“ – ein Gedanke nicht nur des Protagonisten, sondern auch des 76-jährigen Autors – viele Leser mögen ihn bei sich wiederfinden. Dem Mann kommt der Satz von Augustinus (354 – 430) in den Sinn: „Liebe und mache, was du willst.“ Was für den Bischof von Hippo als einer der Kirchenväter die Liebe zu Gott gewesen ist, bezog sich auch auf die Liebe zum Nächsten und damals sicher nicht auf eine Beziehung, die außerhalb gesellschaftlicher Regeln stand. Aber wer kann es wissen? Leser, die dieses Zitat noch nicht kannten, werden es sich nun eingeprägt haben. Das Unwiederbringliche und Unerklärliche – jeder kennt es irgendwie. Liebe in sich zu bewahren ist immerhin ein Weg, der allerdings auch von Schuld und Schmerz gesäumt sein kann.

Abschiedsfarben Bernhard Schlink Diogenes 2020, 240 S., 24 €



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