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Literatur ǀ Anwältin der Trauer — der Freitag


Mit dem Titel ihres deutschsprachigen Lyrikdebüts verortet sich Dilek Mayatürk in der Tradition der Moderne eines T. S. Eliot. Sein Waste Land (1922) war deshalb so wirkmächtig, weil es zwei Arten von Verlassenheit zu einem Metaphernkomplex für den Menschen des 20. Jahrhunderts knüpfte: die innere und die äußere. Bei Mayatürk, die 1986 in Istanbul geboren wurde und jetzt in Berlin lebt, klingt die innere so: „Um den entlegensten Ort deines Herzens zu finden,/ Habe ich mich in diese Verlassenheit begeben.“ Und die äußere betrifft auch ihre Geburtsstadt, die eine „Steppe“ sei.

Anstelle von Brache hätte auch Mutsammlung stehen können. So heißt Mayatürks einziger in der Türkei veröffentlichter Gedichtband (2014). Denn viele Gedichte lesen sich wie Selbstermutigungen. Doch die lyrischen Ichs stecken noch mitten in ihren oft fremdverschuldeten Existenzkrisen. Anstatt gestärkt daraus hervorzugehen, ziehen sie sich zurück oder vergraben sich als Schildkröten in sich selbst.

Das ist wahrlich keine Erbauungsliteratur. Eher eine, die die Vergeblichkeit aller Erbauungsansätze entlarvt. Bevorzugt wird das japanische „Kintsugi“: Zerbrochene Gegenstände aus Keramik oder Porzellan werden durch eine traditionelle Reparaturmethode zusammengesetzt, sodass ihre Bruchlinien sichtbar bleiben. Die Analogie ist offensichtlich: Poesie ist für Mayatürk jene Kittmasse, mit der das gebrochene Subjekt so zusammengekittet wird, dass das ästhetische Ausmaß seiner Narben dabei enthüllt wird.

Es überrascht nicht, dass das Motiv der Wunde zentral ist. Etwa in „Früher“, in dem Konjunktive durchgespielt werden: Wäre das Ich nämlich früher auf die Welt gekommen, hätte es ein „Wächter eures Hosenbunds“ sein müssen, „innen wund, außen hart“. Das lässt an Möglichkeiten der Geburtenkontrolle denken, stellt jedoch auch einen Zusammenhang zum machtkritischen „Brief meines Großvaters“ her: „Die Mächtigen können nach Lust und Laune ihre Hose öffnen/ Und sich beim Blick auf den Globus einen runterholen.“

Aufschluss über den plausiblen Aufbau des Gedichtbandes gibt das Fremdverschulden. Die lyrischen Ichs sind Leidtragende: ihrer Kindheit und Jugend, später der Politik und ihrer willkürlichen Repressalien. Der Fluchtimpuls ist allgegenwärtig. Doch es gibt auch ein Selbstverschulden: wenn das Ich die ihm anerzogene moralische Maxime der Loyalität anerkennt und sich als „treues Double“ buchen lässt, um bewusst alle Leben zu spielen, „außer meinem eigenen“.

Der Gedichtband schließt mit einer Reihe von unverhohlen autobiografischen Gedichten ab. Sie tragen Titel wie „Brief ins Gefängnis“ oder „Besuchstag“. Die dramatischen Geschehnisse im Leben des Paares Dilek Mayatürk/ Deniz Yücel, das im April 2017 im türkischen Gefängnis Silivri, während der Untersuchungshaft Yücels, zum Ehepaar getraut wurde, dürften den meisten noch präsent sein. Diese Gedichte nehmen darauf Bezug, ohne namentlich zu werden. Einzig der Name Yonca Verdioğlu fällt, der das Gedicht „Besucherinnen“ gewidmet ist. Ihren Ehemann Ahmet Şık ereilte ein ähnliches Schicksal wie Yücel. Die „Besucherinnen“ bilden eine Trauergemeinschaft, sind Schicksalsgenossinnen.

Paul Celan – dessen auf dem Kopf gehender Lenz in Mayatürks Gedicht „Umgekehrt“ seinen Niederschlag findet – hat einmal von der „starken Neigung“ der Gedichte „zum Verstummen“ gesprochen. In der permanenten Trauer, in der sie sich halten, neigen Mayatürks Gedichte durch ihre Sprachverknappung auch dazu. Brache ist voll von schönsten Erinnerungstexten, Liebesgedichten und schlüssigen poetologischen Reflexionen. Man versinkt gern in den Schmerzdarstellungen und in der Schwermut von Dilek Mayatürk. In „Tarnung“ tritt sie als „Anwältin“ der Trauer auf. Sie ist in der Tat eine!

Brache. Gedichte Dilek Mayatürk Achim Wagner (Übers.), Hanser Verlag 2020, 112 S., 20 €



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