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Literatur ǀ Kurioses Völkchen! — der Freitag


Deutsche hegen allerhand Vorurteile gegen die Schweizer, aber auch die Schweizer blicken bisweilen lustvoll-bissig auf sich selbst. Jedenfalls tut es Anaïs Meier in ihren Kurzgeschichten. Schweizer essen Käse, lassen sich die Haut von der Höhensonne gerben, meist sind sie ziemlich liberal, manche pietistisch, sie schätzen ein Gebäck namens Bürli. Kurioses Völkchen!

Gleich in der Auftakterzählung scheinen alle Klischees bestätigt. Sie berichtet vom Leben der Schweizer Berge und ihren Freunden, den Bergbächen, und den Menschen, die sie bewohnen. Das vollzieht einen drolligen Perspektivwechsel. Das ohnehin kleine Menschenleben erscheint aus der Sicht der uralten, aufgefalteten Bergriesen wie eine mickrige Posse. Die Menschen sind eitel, die Berge sowieso, „und nie fragt sich jemand, wie es eigentlich den Bergschnecken geht“.

Weniger heiter, dafür lakonisch erzählt, ist der Ausflug ins Stündler-Milieu in der Geschichte von Anni, ihren fünf Schwestern und ihrem nichtsnutzigen Bruder. Einmal träumt Anni, der Socken stopfenden, schweigenden Mutter sei ein Sock am Mund festgewachsen. Wenn sie spricht, bläht er sich zum Rüssel auf, aber kein Wort kommt heraus. „Annerös erzählte ihren Schwestern am nächsten Tag unter Weinen davon. Die Schwestern begannen umgehend, Annerös zu schlagen und vor sich hin zu beten. Diese Reaktion fanden alle sehr angemessen.“ Es geht um die Nichtsnutzigkeit verwöhnter Männer und die Freigiebigkeit, mit der Frauen wie Anni bereit sind, ihnen Geduld und Geld zu opfern. Die Moral von der Geschicht? Annis Liebe zu ihrem geliebten Mercedes, die hält. In so einem Auto hat alles seine gottgegebene Ordnung, wie in der Familie, nur mit mehr PS.

In dieser Geschichte zeigt sich auch Meiers Erzählmodus: Beiläufig wird Abgründiges vor tugendhafter Fassade entblößt. Schmunzelt man zunächst noch, bleibt einem doch recht bald das Lachen im Halse stecken. Bisweilen könnte man die Geschichten sogar radikal einkürzen, sie stärker in der Schwebe halten zwischen Klischee und Wirklichkeit. Und in dieser Verunsicherung zwischen Realismus und Plattitüde täte sich dann der literarische Spalt auf: „Es ist der Käse, an dem man den Schweizer packen kann. Zieht man lange genug an einem Ende eines Schweizer Käses, hängt am anderen Ende ein Schweizer dran. Das liegt im Selbstverständnis des Schweizers, er hängt an seinem Käse.“

Bitte die Texte vorlesen

Meiers Texte seien „schnoddrig“, schreibt der Verlag auf seiner Website. Schnoddrig, übrigens ein schönes Wort ist das! Ein Beispiel ist diese Erzählung um einen kleinen Verhütungsskandal. Die Pille danach gibt es in Deutschland nur auf Rezept. Die Frau („Rückschlüsse auf die Autorin sind übrigens unangebracht“) verirrt sich in ein katholisches Krankenhaus, man gibt ihr kein Rezept. Schließlich bekommt sie doch noch eines, geht zum Apotheker: „Spätestens als er mir die Tablette übergibt und sagt: ‚Heute Abend aber jetzt mal nicht Party, Party, Party‘ und dazu rhythmische Bewegungen mit seiner zur Faust geballten Hand macht, weiss ich, dass die Situation in der Schweiz der in Baden-Württemberg manchmal in nichts nachsteht.“ Dem Text wird eine Art Disclaimer vorausgestellt: „Dieser Text blendet ernsthafte und wichtige Aspekte des Themas Verhütung, etwa sexuelle Gewalt und ungenügenden Zugang zu Verhütungsmitteln, aus.“ Obendrein wird er mit Zwischenüberschriften gegliedert, die von Vorwort bis Danksagung reichen. Kleines Spiel mit der Form, netter Bruch mit Konventionen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass man sich diese Storys im lakonisch bis phlegmatischen Tonfall einer Hazel Brugger vorgelesen wünscht. Als Bühnentexte, daran besteht kein Zweifel, funktionieren diese Kurzgeschichten vorzüglich. Und besonders hierzulande könnte die Autorin, samt ihren Texten, auf den populären Lesebühnen in Berlin, Leipzig oder Hamburg reüssieren. So ein Live-Event lädt schließlich dazu ein, gemeinsam herzhaft über Klischees zu lachen. Hoffentlich verschluckt man sich dabei nicht.

Über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken: Kurzgeschichten Anaïs Meier mikrotext 2020, 96 S., 14,99 €



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