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Lyrik ǀ Vitales Archiv — der Freitag


Es sind Städte, die man am besten ganz schnell wieder verlässt. Der Tod streift durch die Gassen, derweil zerbrechen nur wenige Meter weiter ein paar Hoffnungen: „Hätte er mich geliebt hätte er gesehen wie ich. / Im oberen Stockwerk mit der Stirn gegen das Glas wummerte.“ Wohin man in Orten mit ironischen Namen wie „Glücksstadt“ sieht, herrscht Einsamkeit. In diesen „most saddest and creepy cities“ darf natürlich die „Freudstadt“ nicht fehlen. Hier, in der Finsternis des Unbewussten, ist erst recht niemand zu Hause und bei sich selbst. Denn „der Geist. / Ist ein fremder Gast“.

Wer nun ganz in Schwindel gerät, dem seien genauere Koordinaten über unseren Standort mitgeteilt. Wir befinden uns in den albtraumartigen Gefilden der 1950 geborenen kanadischen Autorin Anne Carson. Ihr neuer Band Irdischer Durst hält allerdings noch mehr als jene dunklen Sphären bereit. Zum Beispiel eine Tour d’horizon in eine alte Zeit. Etwa im Rahmen von poetischen Dialogen mit dem heute vergessenen antiken Dichter Mimnermos von Kolophon. Hineingeboren in eine Zeit der Aufstände kleinasiatscher Städte gegen die Könige des Mittelmeers, beklagt das lyrische Ich in seinen Elegien entweder die Vergänglichkeit allen Seins oder flüchtet sich in die Feier der süßen Jugend.

Auch von der Sonnenanbetung scheint es angetan. Alles schaut hinauf zum leuchtenden Himmelskörper, „rosenplötzlich ausgesandt von jemands / schon morgen er geht Sein tagseitig goldwärts geneigtes Bett / reiten er streift dahin / über Schlafländer von West nach Ost bis plötzlich / rosengestoppt jemands / schon frühmorgens den Uhrrücken öffnet. Er / tritt hinein“. Es geht in dieser kryptischen Passage selbstredend nicht nur um Begeisterung für das lebensspendende Gestirn. Carson strebt danach, uns gleichsam in die Texte des Dichters zu entführen, die sie selbst wie eine Sonne anziehen. Indem wir in die buchstäblich leuchtenden Gedichte hineingehen, öffnen wir die bildlich mehrfach angeführte Rosenblüte, die ein traditionelles Symbol für den unter Blättern verborgenen Eintritt in unbekannte Welten darstellt. Dort angekommen, im grenzenlosen Bezirk unserer Reverien, vermag das Ich binnen Sekunden Osten und Westen zu durchqueren und überdies immer tiefer in zurückliegende Epochen vorzudringen, ja, eben die Hinterseite einer Uhr zu öffnen und eine Zeitreise zu beginnen.

Tatsächlich war Anne Carson, vielleicht eine der letzten oder eben neuen Universalgelehrten unserer Tage, die Gegenwart in all ihren Werken nie genug. In Decreation (2014) schreibt sie sich den so ludischen Arrangements der antiken Liebesdichterin Sappho ein, in Rot. Zwei Romane in Versen (2019) nähert sie sich den skrupellosen amourösen Tiraden des Herkules an. Was all diesen Texten innewohnt, ist der Versuch eines vitalen Archivs. Schreiben bedeutet darin, die Erinnerung in die Gegenwart zu versetzen.

Wie kaum eine andere Autorin ihrer Generation verfügt sie über ein reiches Wissen über die Antike. Die Altphilologin übersetzte Klassiker von Euripides bis Sophokles ins Englische und sucht in deren Texten das Hier und Heute besser zu verstehen. Mit der Durchbrechung von zeitlichen Grenzen gehen in ihren Gedichten daher stets neue Potenziale der Wahrnehmung einher. Immer wieder werden darin Laute zu Farben und Klänge zu Gerüchen. Entsprechend dieser alle Sinne verwirbelnden Synästhesien durchkreuzt die Autorin Genrekonventionen. In einem Band können Reden, Vorträge, Operntexte und Vorlagen für den zeitgenössischen Tanz gleichberechtigt mit Poemen Platz finden. „Ich denke, es ist eine Art Leidenschaft von mir, von allen Informationen wegzukommen, auf denen ich mich ausruhe (…) poetische Aktivität ist eine Methode dafür – Sie springen aus dem Gebäude, wenn Sie poetisch denken (…). Daran ist etwas Befreiendes,“ sagte Carson über ihre Arbeiten einmal in einem Interview.

Dass sie sich bislang allen Kategorisierungsbestrebungen verweigerte und sich mit jedem literarischen Projekt neu erfand, trug dazu bei, dass sie beständig als eine Favoritin für den Literaturnobelpreis gehandelt wird. Obwohl von ihren knapp zwanzig Werken lediglich eine Handvoll in deutscher Sprache vorliegt, nimmt die Bekanntheit der aus Toronto stammenden Schriftstellerin, die lange Zeit eher als ein Geheimtipp der Lyrik-Community galt, daher auch hierzulande zu. Dies mag mithin dem steten Bemühen ihrer Übersetzerin Marie Luise Knott zu verdanken sein. Sie bewahrt für hiesige LeserInnen zum einen den Sound der Poetin, zum anderen fungiert sie seit Jahren als deren wichtigste Vermittlerin im deutschsprachigen Raum.

Lyrik als Möglichkeitsform

Trotz wachsenden Ruhms und trotz allen Lobs ist an ihren aktuellen Entwürfen aus Irdischer Durst durchaus Kritik angebracht. Denn die qualitative Fallhöhe der poetischen Miniaturen erweist sich als enorm. Zwischen den Retrospektiven auf zurückliegende Zeiten und den Traum(stadt)gedichten tauchen allerlei Banalitäten auf. Wir erfahren: „Alles in allem gibt es mehr Hauptsachen als Nebensachen, dennoch gibt es mehr Nebensachen, als ich hier notiert habe, aber sie aufzulisten entmutigt.“ Von ähnlich begrenztem Erkenntniswert sind Gleichungen à la „Lernen ist Leben (…). Lernen hat die gleiche Farbe wie Leben.“

Jene Neigung zum Plappern und zum Floskelhaften untergräbt die ansonsten starke Ambition, Dichtung als Möglichkeitsform zu etablieren, in der zeitlichen und räumlichen Barrieren keine Bedeutung mehr zukommt. Während manche Texte die LeserInnen in faszinierende Bild- und Wissensgebiete einführen, fehlt es anderen an Idee, Charme und Konzentration. Carsons Band gleicht daher einer Sinuskurve. Der Ratschlag: Man halte sich schlichtweg an die Amplituden und überspringe die Talsenken. Dadurch verbleibt man in jenen Höhen des losgelösten Geistes, wie sie nur die Poesie bieten kann.

Irdischer Durst Anne Carson Marie Luise Knott (Übers.), Matthes & Seitz 2020, 120 S., 22 €



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