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Porträt ǀ Schwierige Kiste — der Freitag


Mal angenommen, das Leben der künftigen Programmdirektorin der ARD, der heute 49-jährigen Christine Strobl, würde dereinst verfilmt: Worum könnte es gehen?

Nahe läge, von einer Frau zu erzählen, die gut ist in dem, was sie tut, aber immer wieder zum Anhängsel der mächtigen Männer in ihrer Familie erklärt wird. Und vielleicht würde im Film eine Traditionsveranstaltung in Heilbronn vorkommen, das „Hasenmahl“, wo Christine Strobl im Januar die Festrede hielt. Es kommt einer Würdigung gleich, als Rednerin ausgewählt zu werden. Sie aber begann mit einem kleinen Seitenhieb auf den Oberbürgermeister. Der sei „ein Frauenversteher und -förderer“, hob sie der Lokalzeitung zufolge an. Komischerweise habe er aber nicht sie selbst, sondern zuerst ihren Mann gefragt, ob sie die Rede halten wolle. „Zack, das hat gesessen“, fand die Zeitung. Und zeigte das Foto einer breit grinsenden Strobl.

Womöglich fand sie sich schon zu oft in die Rolle der Frau ihres Mannes gedrängt, als dass sie darüber hinweggehen wollte. Ihr Mann ist der baden-württembergische Innenminister und CDU-Vorsitzende Thomas Strobl. Ihr Vater, das kommt erschwerend hinzu, heißt Wolfgang Schäuble und ist heute Bundestagspräsident.

Egal, ob Christine Strobl 2011 Fernsehspielchefin des Südwestrundfunks (SWR) wurde oder 2012 Geschäftsführerin der großen ARD-Tochter Degeto, die 2019 an knapp vier Fünfteln des ARD-Fiktionsprogramms beteiligt war: Sie blieb Strobls Frau und Schäubles Tochter. Mal wurde CDU-Filz kritisiert, mal ihre Eignung bezweifelt: „Ist sie wirklich so gut? Oder verdankt sie ihren schnellen Aufstieg womöglich in erster Linie ihrem Namen?“, fragte etwa die Zeit. Wohin Strobl auch ging: Die Männer standen wie die Strippenzieher da. Fair ist das nicht. Ob es einem Schäuble-Sohn genauso ergangen wäre wie der Tochter, ist die Frage.

Im Prinzip ist es freilich wichtig, zentrale öffentlich-rechtliche Personalien mit Fragezeichen zu versehen. Dafür ist die Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme zu wichtig und das Skandalisierungspotenzial zu groß. Christine Strobl weiß das selbst. 2019 kandidierte sie nicht als SWR-Intendantin, obwohl sie als aussichtsreich gehandelt worden war. Das vertrüge sich nicht mit den Ämtern ihres Mannes, sagte sie damals.

Im Umkehrschluss heißt das: Die Position der Programmdirektorin, die sie 2021 übernimmt, verträgt sich aus ihrer Sicht sehr wohl damit. Tatsächlich soll sie Zapp zufolge als Programmdirektorin nicht den Presseclub moderieren; das mache weiter ihr Vorgänger Volker Herres. Für journalistische Inhalte gibt es einen Chefredakteur. Strobl selbst sagte zuletzt, was sie sinngemäß immer sagt, wenn sie, die selbst CDU-Mitglied ist, nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefragt wird: Ihre politische Haltung habe „im Job nichts zu suchen“; und sie habe bereits einen professionellen Umgang bewiesen. Noch professioneller wäre es freilich, gar nicht erst in einer Partei zu sein. Ein Austritt aus der CDU vertrüge sich aber womöglich nicht mit den Ämtern ihres Mannes. Mit der Frage nach Interessenkonflikten, die kürzlich wieder aufkam, wird sie dann wohl leben müssen.

Andere Fragezeichen hat sie nach acht Jahren bei der Degeto erfolgreich begradigt. Dass sie ihren Aufstieg ihrem Namen verdanken könnte, klingt heute fast abwegig. Ihr Einstieg mag mit ihrer Herkunft zu tun haben – als Tochter einer alleinerziehenden Pflegerin hätte sie es schwerer gehabt, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Fuß auf die Leiter zu kriegen. Aber den Aufstieg hat sie selbst hingekriegt.

Strobl hat bei der einst auffallend schlecht geführten ARD-Tochter, die Filme produziert und lizensiert, gründlich durchgekärchert. Die kaufmännischen und organisatorischen Fehler ihres Vorgängers, der das Budget massiv überzogen hatte, sind behoben. Die Kritik an einer Depolitisierung und sogenannten Degetosierung des ARD-Fiktionsprogramms, das von lächerlichen Schnulzen durchsetzt war, ist leiser als früher. Das qualitative Flachland, das zu schaffen der Degeto vorgeworfen wurde, ist in Strobls Amtszeit hügeliger geworden; ihr Beitrag zur komplizierten Realisierung der ARD- und Sky-Kooperation Babylon Berlin wird hier gerne erwähnt.

Dass sie nun einen der wichtigsten Jobs im ARD-Gefüge übernimmt, wirkt fast folgerichtig. Die große Frage ist, wie das ARD-Hauptprogramm und vor allem die Mediathek unter ihr aussehen werden. Internationale Streamingdienste produzieren verstärkt für den deutschen Markt; kürzlich tat sich auch noch der Entertainment-Sender ProSieben mit einem Themenabend zu Rechtsextremismus hervor, der jenes jüngere Publikum erreichte, das die ARD gerne hätte. Strobl wird den Spagat leisten müssen, einerseits dem Hauptprogramm die Harmlosigkeit der Primetime-Tierfilmchen auszutreiben. Andererseits die Publikumsakzeptanz gegen die wachsende Konkurrenz auszubauen. Das Ganze am besten mit weniger Geld. Schwierige Kiste. Aber in der Führung der ARD setzt man auf Strobls „extrem hohe fachliche Kompetenz“.

Im Grunde besteht ihre Aufgabe darin, das ARD-Programm gleichsam im überlaufenden digitalen Quengelwarenregal direkt neben der Kasse zu platzieren. Am besten ganz oben, wo Netflix und Amazon Prime schon reserviert haben. Und ohne den Eindruck zu hinterlassen, die ARD sei selbst ein privater Konzern. Wichtig wird dabei sein, die in manche Ränkespiele verzettelten Länderanstalten von SWR bis NDR mitzunehmen. Wenn Strobl so kommunikativ und zugänglich ist, wie es heißt, wäre das nicht die schlechteste Voraussetzung. Programmdirektorin ist quasi ein Diplomatinnenjob. Ein bisschen wie Politikerin.



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