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Social Distancing ǀ Theater zocken — der Freitag


Lockdown, Lockdown, immer nur Lockdown. Wann wird er quälend? Nach 30 Tagen? Nach 300 Tagen? Auch Rabea befindet sich im Lockdown, selbst verordnet, denn: Wenn sie die Sache mit der Isolation nicht selbst in die Hand nimmt, wer dann? Einen nützlichen Blog zum Thema führt sie auch. Wie muss man bevorraten in solch einer Ausnahmesituation? Ganz wichtig auf der Einkaufsliste: die Gesichtsmaske. Selfcare fängt bei den Poren an!

Rabea ist Teil der Inszenierung Homecoming des Theaterkollektivs machina eX (Regie: Yves Regenass), die in Zusammenarbeit mit drei Bühnen entstanden ist: dem Berliner HAU, dem FFT Düsseldorf und Hellerau in Dresden. Homecoming ist ein Wohnzimmer-Game, das spielerisch – im wahrsten Sinne des Wortes – nach dem Umgang mit Krisen fragt und die Grenzen von Theater und Inszenierung sprengt. Es verwandelt das Publikum in eine Gemeinschaft von Spielern, die in Gruppen dem Schicksal von Rabea und ihrem alten Freund Moritz folgt. Vorab erhält der Spieler Unterlagen, die erst nach Anweisung geöffnet werden dürfen. Sie stammen von EurAvoid, einer supranationalen Behörde, die ein Schutzprogramm namens SHELTER initiiert. Es soll Menschen, die unter den Kontaktbeschränkungen stärker als der Durchschnitt leiden, Hilfe bieten.

Welcher Teil ist „echt“?

Auch Rabea (Anne Eigner) hat den Test durchgeführt. Aber auf welcher Grundlage wird entschieden, wer schutzbedürftig ist? Rabea wittert einen Skandal und will ihn auf ihrem Blog öffentlich machen.

Es geht in dieser Inszenierung, grob gesagt, um die Frage der Biopolitik: Wer hat Interesse daran, Körper zu reglementieren? Warum unterwerfen wir uns manchen Formen der Biopolitik freiwillig? Schließlich: Können Behörden Gesellschaft ersetzen?

Die Inszenierung, die eigentlich ein Online-Game ist, erlaubt es dem Publikum nicht, passiv zu bleiben. Ich muss mich vorab beim Messenger-Dienst Telegram registrieren. Hier gebe ich Name, Adresse, Telefonnummer an, persönliche Daten, die zum Zwecke des Spiels verarbeitet werden. Nur dazu? Klar, ich vertraue dem HAU. Hier aber beginnt das Nachdenken über den Umgang mit unseren Daten.

Das Spiel beginnt, indem Moritz Giffinger (Jan Jaroszek) uns via Telegram kontaktiert. Moritz lebt wieder in seiner Heimatstadt Spanzburg, genau wie Rabea. Homecoming im Zeichen der Krise. Man muss sich das Spiel wie einen Online-Escape-Room oder, etwas altmodischer gesprochen, wie eine Schnitzeljagd vorstellen. Moritz (oder Teammitglieder, die den Avatar Moritz mit Leben füllen) leitet das Spiel, indem er Hinweise gibt und Mitspieler auf das Problem stößt. Im Verlauf des Spiels müssen wir uns beispielsweise Zugang zu Rabeas Daten bei EurAvoid verschaffen. Dafür loggen wir uns mit den Daten eines befreundeten Arztes auf der EurAvoid-Website ein. Der Login-Code muss aus einem Bild herausgelesen werden, das auf der Website des Mediziners gepostet ist. Deren URL erfahre ich nach einem Anruf bei der Nummer, die auf seiner Visitenkarte steht.

Wer wie ich noch keine Spiel-Inszenierung erlebt hat, geht mit Fragezeichen in diesen Abend. Das merke ich auch meiner Spielergruppe an. Der Start ist verhalten. Moritz kontaktiert uns, niemand antwortet. Ich tippe etwas. Aber es dauert Minuten, bis die Mitspieler einsteigen.

Ganz interessant aus der Sicht der Kritikerin: Meine Interaktion beeinflusst zwar nicht im engeren Sinne das Spielergebnis, wohl aber die Geschwindigkeit, mit der man das Problem löst – und den Spaß, den die Schnitzeljagd bereitet. Eine Mitspielerin zeigt sich rasch genervt, sie steigt nach der Hälfte der Zeit aus. „Ich bin nicht mehr in Laune, mich über den Bildschirm zu unterhalten. Ich möchte mit meiner Freundin reden … realer Raum, reale Gespräche. Mich strengt das Digitale unglaublich an – tut mir leid – es war ein (sic) Versuch wert.“ Ist das Teil der Inszenierung, oder „echt“? Wer spricht / schreibt da überhaupt, was kann man für bare Münze nehmen?

Homecoming ist eine innovative Verarbeitung des Themas Gesundheitspolitik und der Paradoxie einer selbst verordneten Gesundheitsdiktatur. Trotzdem fühle ich mich am Ende des Abends zu erschöpft, um im Online-Foyer mit Spielern über die aufgeworfenen Fragen zu diskutieren. Am Ende franst das Spiel aus, auch deswegen, weil es von der spannenden Frage der Krisenintervention, über die wir gemeinschaftlich nachdenken könnten, verflacht zu der Frage, welche Klingel an einem Klingelbrett gedrückt werden muss.

Homecoming verdeutlicht letztlich, was einen gelungenen Theaterabend ausmacht. Es braucht kein traditionelles Sprechtheater, die Aufführung kann mit allerhand Technik operieren, aber am Ende braucht das Theater Publikum: Wer kennt sie nicht, die Faszination, wenn plötzlich jemand in den Theaterraum ruft, wenn das Publikum die Regeln bricht, wenn ein hörbares Raunen durch den Raum geht oder die Stille so drückend wird, dass man angespannt auf dem Sitz herumrutscht. Genau diese Erfahrung geht im Digitalen verloren. Doch, es ist so, wie meine Mitspielerin sagt: Man möchte nach der Aufführung mit echten Menschen sprechen. Notfalls mit Abstand.

Homecoming machina eX, HAU Berlin, FFT Düsseldorf, Hellerau Dresden; online



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