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Streaming ǀ Good coach, bad coach — der Freitag


Ted Lasso ist ein Mann des Volkes. Nur welches Volk das sein soll, wäre noch zu klären. In der neuen Comedyserie des Scrubs-Erfinders Bill Lawrence wechselt Lasso (Jason Sudeikis) aus dem Nachwuchsbereich des American Football in den Profi-Fußball: Er wird Trainer des Vereins Richmond A.F.C. in der englischen Premier League, angeblich weil die Clubbesitzerin Rebecca Welton (Hannah Waddingham) damit einen neuen Impuls setzen will. Tatsächlich arbeitet die Milliardärin jedoch gegen die Interessen ihrer eigenen Mannschaft: Nach einer schmutzigen Scheidung von ihrem Ehemann, der sich jahrzehntelang um die Belange des Vereins gekümmert hatte, möchte sie dessen Lebenswerk möglichst effektvoll zerstören.

Ein genialer Plan mit kleiner Schwäche: Was dem Neutrainer an Sachverstand fehlt, macht er durch sein geradezu absurd einnehmendes Gemüt wieder wett. Schritt für Schritt gewinnt Lasso das Vertrauen der Presse, seiner Mannschaft – und schließlich sogar seiner Chefin, die er mit selbst gebackenen Plätzchen bezirzt. Die zynische Ausrichtung der englischen Medienlandschaft perlt ebenso von ihm ab wie die Boshaftigkeit seiner wenigen Starspieler. Im Weltbild des berufsoptimistischen Coaches sind solcherlei menschliche Eigenschaften einfach nicht vorgesehen. Und was er nicht versteht, kann ihn auch nicht verletzen.

In zehn Folgen baut Ted Lasso eine manierliche Culture-Clash-Komödie um dieses Szenario herum. Der Streamingdienst Apple+ adaptiert mit der Serie eine Figur, die eigentlich aus dem amerikanischen Werbefernsehen stammt: Schon letztes Jahr machte der Sender NBC mit kurzen Lasso-Spots auf seine Berichterstattung über die Premier League aufmerksam. Zugleich reanimiert Apple+ einen Archetyp des Serienfernsehens, den man eigentlich für ein Relikt aus unschuldigeren TV-Tagen gehalten hatte: den ewig wohlmeinenden Highschool- und College-Sporttrainer, der sich weniger für Resultate als für die charakterliche Weiterentwicklung seiner Spieler interessiert.

Von 1989 bis 1997 spielte Craig T. Nelson in der Football-Sitcom Coach einen solchen. Schon Ende der 70er Jahre hatte Ken Howard in The White Shadow die Rolle eines weißen Star-Basketballers übernommen, der zum Trainer einer überwiegend schwarzen Highschoolmannschaft wird. Beide Serien zeigen den Coach als gute Seele und Kümmerer, weniger als Autoritätsperson denn als moralische Instanz. Ted Lasso knüpft mit seinem Faible für flache Hierarchien an diese sympathischen Trainertypen an. Er geht sogar so weit, dem Fußballreporter Trent Crimm ins Aufnahmegerät zu diktieren, dass er sich nicht an Siegen und Niederlagen messen lassen wolle.

Mit der Realität des heutigen Profisports hat ein solcher Trainer natürlich nichts zu tun. Der Nimbus des amerikanischen Nachwuchscoaches hat in den letzten Jahren stark gelitten: Legendäre Basketballtrainer wie Bob Knight, der 30 Jahre lang die University of Indiana leitete, oder Rick Pitino, der die Mannschaften von Kentucky und Louisville zu Großmächten des Collegesports formte, stehen heute wegen offensichtlichen Fehlverhaltens in der Kritik.

Bestechung, sexuelle Gewalt

Während Knight seine Spieler geschlagen und beleidigt haben soll, war Pitino angeblich in illegale Zahlungen an besonders talentierte Athleten involviert. Und es gibt noch verheerendere Geschichten aus dem amerikanischen Nachwuchssport: Einem Footballtrainer der Penn State University wurden im Jahr 2011 Dutzende Fälle sexueller Gewalt an minderjährigen Athleten nachgewiesen. Der Skandal reichte bis in die Führungsetage des Colleges. Der Präsident der Uni wurde wegen Rechtsbehinderung und Meineid angeklagt. Ähnlich gelagerte Fälle sind seitdem in mehreren US-Colleges und Sportverbänden aufgedeckt worden.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund wiederum die animierte Netflix-Comedy Hoops, muss man diese Serie von Ben Hoffman als riskantes Unterfangen bezeichnen. Der Highschooltrainer Ben plagt sich in Hoops mit einer ebenso untalentierten wie demotivierten Basketballmannschaft herum, die Niederlagen in rekordverdächtiger Höhe und Regelmäßigkeit einsteckt. Um seinen Job zu retten, versucht er den 16-jährigen Zwei-Meter-Schüler Matty für sein Team zu gewinnen – etwa indem er ihn an eine Prostituierte vermittelt oder zu Saufgelagen mit potenziellen Mannschaftskameraden drängt. Auch im Umgang mit Schiedsrichtern, Gegenspielern und Schuldirektorin offenbart der Coach seine kriminelle Energie.

Die Figur des Jugendtrainers und Ersatzvaters, der seine mit Problemkindern besetzte Mannschaft zum Gewinnerteam formt – Hoops versucht sich an einer satirischen Unterwanderung dieses Klischees. Ben interessiert sich weder für das Wohlbefinden seiner Spieler noch für ihre basketballerische Weiterentwicklung. Ihn plagen eigene „daddy issues“ und Eheprobleme, sein Streben nach Erfolg dient einzig der Selbstbestätigung. Er ist also ein ganz normaler, nur leicht überzeichneter Coach aus dem amerikanischen Nachwuchsbetrieb: ein Basketballlehrer, der gelernt hat, dass seine Arbeit einzig nach Sieg und Niederlage beurteilt wird.

Obwohl Hoops damit den realistischeren Trainertypen ins Fernsehen bringt, ist Ted Lasso die bessere Serie. Der Humor der Basketballshow erschöpft sich in Schimpftiraden und demonstrativer Drastik – die Abgründe des Coaches sind immer nur Gagvorlagen, an denen es nichts weiter auszuleuchten gibt. Im gutmütigen Fußballtrainer Lasso schlummert hingegen subversives Potenzial. Er ist eine lockere Schraube: einerseits in der Mechanik des Nachwuchs- und Profisports, andererseits im auf Antihelden fixierten Serienfernsehen. Auch wenn die erste Staffel der Show dieses Potenzial nur ansatzweise ausschöpft, bleibt Lasso ein Mann, mit dem man arbeiten kann.



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