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Subversiv ǀ Pogo hinter Stacheldraht — der Freitag


Beim Barte von Karl Marx, war das alles öde, langweilig und verlogen. Soviel Leere, Enttäuschung, Bitternis und Lähmung. So wenig Güte. Die verplanten Biografien legten sich wie Bleiwesten um die jungen Seelen. Eine weitere Form der Repression war die lähmende Langeweile. Wer in der DDR etwas über Punk erfahren wollte, musste selbst Punk sein oder schräge Freunde haben. Oder bei der Staatssicherheit arbeiten. Punk und Sozialismus? Eine Subkultur in der Diktatur der Arbeiter und Angepassten, das sollte nicht gut gehen.

Nun liegt erstmals eine kundige Sammlung des Untergrund-Punks der DDR vor: Too much future. Seit 2005, anfangs noch mit Michael Boehlke, haben Henryk Gericke und Maik Reichenbach diese intensive Sisyphusarbeit auf sich genommen. Drei Schallplatten und ein dickes Booklet sind das Ergebnis. Ja, ein Ereignis. Man kann die Vergangenheit nicht mit den moralischen und politischen Maßstäben von heute messen. Zeit und politische Strukturen waren andere in der Republik ohne Hoffnung. Erinnerung ist oft ein untreuer Geselle.

Als Punk Ende der Siebziger via Äther westlicher Radiostationen durch die Mauer diffundierte, reagierte die SED-Führung gewohnt restriktiv. Punk in der DDR wurde zu einem Drama, gezeichnet vom kollektiven Ausbruch aus einem erstarrten Leben, einem mutigen Aufbäumen gegen die allumfassende Leere. Es war der Aufbruch einer neuen, unangepassten Generation, die gegen die Lethargie und ein verplantes Leben aufstand. Punk eröffnete Möglichkeiten, im Alltag einen teilweisen Ausstieg aus der DDR-Realität zu leben und symbolisch Widerstand zu üben. Punk in der DDR zu sein ging sofort einher mit Politisierung und Kriminalisierung. Punks galten schnell als Feinde der Gesellschaft, der Staat griff hart durch. Es gab Zuführungen und Verhaftungen durch die VP, Verhöre durch die Staatssicherheit, Hausdurchsuchungen, Bedrohungen, Ordnungsstrafen, Einweisungen in Jugendwerkhöfe, Haftstrafen. 1984 hatte die Stasi circa 900 Punks DDR-weit registriert: Berlin etwa 400, Leipzig 95, Magdeburg und Cottbus je 60, Halle, Dresden je 50. Sie sahen sich in ihrer ablehnenden Haltung gegen den Staat bestätigt, von dem sie sich innerlich längst verabschiedet hatten.

Als 15- bis 18-Jährige anfingen, aus Klamotten, Frisuren und Musik eine auffallend eigene Lebensart zu kreieren, schritt der Staat massiv dagegen ein. Die jugendlichen Punks bekannten sich mit ihren Körpern zu ihrer anderen Lebenshaltung. Die Motivation vieler Punks war am Anfang eher unpolitisch, sie setzten auf Spaß und Abgrenzung gegen die Normalbürger. Der real-sozialistische Alltag war ihnen öde und unerträglich geworden. Schließlich begannen sie die Arbeit zu verweigern, Regeln und Gesetze zu missachten, mit drastischen Folgen. Punk zu sein war zugleich das Ende irgendeiner Bildungskarriere in der DDR. Doch ihre Wut war groß, größer als die Angst.

1983 setzte die erste Verhaftungswelle ein, von nun an waren die Punks Gejagte. Sie wurden zur Nationalen Volksarmee eingezogen, eingeschüchtert, gezielt kriminalisiert, inhaftiert oder in Nervenheilanstalten ein- oder in den Westen ausgewiesen. Das Abnehmen von Fingerabdrücken, gewaltsames Abrasieren der Frisuren, Wohnungsdurchsuchungen und Verhaftungen gehörten zu ihrem Alltag. Für sie galten Arbeitsplatzbindung, schikanöse Meldepflichten oder Gaststätten- und Berlin-Verbote.

Trafen sich die republikweit aktiven Punks zu bestimmten Konzerten im Berliner Vergnügungspark Plänterwald, war das immer auch eine Bezirksleistungsschau. Die neuesten Peinlichkeiten und Verhaftungen wurden besprochen. Aktive Punkzentren in der DDR waren Berlin, Leipzig, Eisleben, Jena, Dresden und Magdeburg. Dabei galten die Leipziger Punks als politisch radikal, die Berliner als verhaltensoriginell bis gewalttätig. Punk war nihilistischer Kult, viel Lärm um nichts, wobei es doch um alles ging. Und die Punks waren die Einzigen, die offen und unverstellt gegen die Stasi, Mauer und Parteibonzen angesungen haben. Musik war ihnen Abenteuer. Im besten Fall Spaß, meist aber Frust und Wut. Diese Songs waren subversive Selbstbehauptungen vieler Jugendlicher im Alltag. DDR-Punk passierte illegal auf Dachböden, in Kirchenräumen, Ateliers, Datschen und Feuchtkellern. Und Punk wucherte. Es entwickelte sich schnell ein undurchschaubares Netz aus Musikern, Malern, Dichtern, Filmemachern, Fotografen, Politakteuren und Kaputtnix.

Es gibt bereits zahlreiche kundige Bücher zum Thema. Nun endlich aber kann man die Musik der engagierten Punkbands wieder hören und fühlen. Diese Compilation Punkrock GDR 1980 – 89 war der Missing Link. Man ist sofort wieder in diesem wilden, ausgelassenen Pogo-Gewühl jugendlicher Unsterblichkeit. Welch ein Verdienst! Interessant, mal wieder die verschiedenen DDR-Mundart-Färbungen zu hören. Ja, es mag mühsam erscheinen, sich heute diese Punksongs anzuhören. Sie klingen sperrig, laut und schräg. Aber es ist nicht die Aufgabe von Kunst, gefällig zu sein. Immerhin lauschen wir hier dem Zorn einer Jugend aus den 1980er-Jahren. So klang ideologischer Klassenkampf nun einmal. Das Rohe und Ungeschliffene war Haltung. Viele waren längst erschöpft von dieser liedhaften Beatmusik à la DDR. Der ostdeutsche Punk-Tumult war eine befreiende Störung der sozialistischen Ordnung.

Kriterium: Illegalität

Wichtigstes Kriterium für die Auswahl der Bands dieser Compilation war, dass diese sich der staatlichen Pflicht zur Einstufung konsequent widersetzten und lieber in der Illegalität aktiv waren. Zu hören sind hier bekannte Punk-Combos wie Namenlos, Wutanfall, Schleim-Keim, Betonromantik oder Müllstation. Aber es gibt auch Entdeckungen zu machen wie Rosa Beton oder Andreas Auslauf.

Henryk Gericke hat hier liebevoll über Jahre Kärrnerarbeit im Geschichtsstollen des Ungenauen geleistet. Seiner umfassenden Forschungsarbeit im beiliegenden Buch ist höchster Respekt zu zollen. Zumal er nicht nur rein faktisch vorgeht, sondern sich den Bands in all ihrer Unterschiedlichkeit in Short Storys literarisch nähert. Dabei schwingt er sich sogar zu einer Verbrüderung der beiden Intensivtäter, dem Punk-Bürgermeister vom Prenzlauer Berg, Aljoscha Rompe, mit dem Proleten-Berserker Otze von Schleim-Keim auf. Es macht einfach Freude, Gerickes Geschichten zu lesen, die weit über normale Bandzuschreibungen hinaus reichen. Sarkasmus alter Schule verpflichtet. Er entwirft ein emotionales Panorama soziokultureller Subkultur und staatlicher Zwangsmaßnahmen in der DDR. Er verschraubt gekonnt Faktisches mit Anekdotischem, um einen Gefühlsabdruck der DDR zu erzeugen.

Es gibt ja immer diese Sehnsucht nach dem Soundtrack der eigenen Jugend. Mit too much future kann man endlich in ein Kapitel Zeitgeschichte eintauchen, das lange vergessen schien. Diese Compilation und das dazu gehörige Buch sind ein Fest und ein Triumph! Ein kundiger Ausdruck stolzen gelebten Lebens in unguten Zeiten. Die Punks verhöhnten die repressiven Herrschaftsverhältnisse der DDR und spielten mit ihrem Pogo grinsend den Soundtrack zu ihrem Untergang.

too much future. Punkrock GDR 1980 – 1989 Hrsg: H. Gericke, M. Reichenbach Edition IRON CURTAIN RADIO # 001, Major Label 2020

Ronald Galenza ist Schriftsteller und Journalist



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