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Therapie ǀ Nicht mehr Täter sein — der Freitag


Als Peter F. sich zum ersten Mal die Internetseite des Projekts „Männer – gegen Gewalt“ anschaut, entscheidet er, dass er dort nicht hingehört. „Alles Schlägertypen“ waren das in seiner Vorstellung, die vermutlich jeden Abend ihre Frau verprügeln. Zwei Jahre später beschließt ein Familiengericht, dass seine Teilnahme am Projekt für den weiteren Umgang mit seinen Kindern notwendig sei. Peter F. muss erkennen: Gewalt fängt nicht erst beim Schlagen an, und den klassischen Schlägertypen gibt es nicht.

Häusliche Gewalt, das bestätigt auch Gerhard Hafner, Psychologe und Leiter des Projekts „Männer – gegen Gewalt“ in Berlin-Mitte, kommt in allen gesellschaftlichen Schichten, Altersklassen und Kulturen vor. „Wir arbeiten mit Lehrern und Ärzten aus Zehlendorf, Menschen mit Migrationshintergrund und Männern, die schon als Kind selbst erste Gewalterfahrungen gemacht haben.“ Etwa ein Drittel der Männer wird per Auflage von Jugendämtern oder Familiengerichten geschickt, der Rest kommt von selbst. „Wobei es reine Selbstmelder eigentlich relativ selten gibt; oft steht dahinter eine Partnerin, die ihren Mann schickt. Es gibt fast immer eine Art von gesellschaftlichem oder familiärem Druck.“

„Warum ich?“

Als Peter F. zum Programm kommt, ist er bereits von seiner Partnerin getrennt. „Die Situationen, die besonders zu Konflikten geführt hatten, gab es durch die räumliche Trennung nicht mehr.“ Die beiden haben zwei Kinder. Eine Wiederbelebung der Beziehung habe nicht zur Debatte gestanden. Zu physischer Gewalt sei es laut Peter F. nie gekommen, doch die Belastung war dennoch sehr groß. „Es war wie ein Laufrad, es ging immer und immer wieder von vorne los.“ Wenn es richtig schlimm war, sei er aggressiv geworden, habe seine Frau beleidigt und kleingemacht „mit allen Wörtern, die irgendwie wehtun könnten.“ Als nach der Trennung schließlich vor Gericht das Umgangsrecht geklärt werden musste, wurde eine Teilnahme am Anti-Gewalt-Training für Peter F. zur Auflage. „Zuerst habe ich mich kurz geärgert“, sagt er. „Warum ich?“ Das habe sich schnell gelegt. Nach drei Einzelberatungsgesprächen findet er sich in einer Gruppe von acht Männern wieder, die lernen sollen, wo Gewalt anfängt und wie sie ihr Verhalten ändern können.

Als sich die Gruppe zum ersten Mal in den Räumen des Projektträgers Volkssolidarität Berlin trifft, ist Peter F. überrascht: Ob Handwerker, Callcenter-Mitarbeiter oder Rechtsanwalt, kaum jemand aus dem Anti-Gewalt-Training bedient sein Klischee vom Gewalttäter. Obwohl letztlich alle das gleiche Problem haben: die Ausübung von Gewalt gegen ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen. Bis das alle eingestehen können, vergehen einige Sitzungen. „Das ist schon unangenehm, sich dort vor den anderen Leuten so zu outen. Das ist natürlich mit Scham verbunden“, sagt Peter F.

Zu Beginn des Trainings stehen ausgiebige Diskussionen über die Frage, was Gewalt eigentlich sei. Das Verständnis von Gewalt, das der Arbeit von Gerhard Hafner und seinen beiden Kolleg*innen im Projekt zugrunde liegt, beinhaltet nicht nur physische, sondern auch psychische, sexualisierte, emotionale und ökonomische Gewalt sowie kontrollierendes Verhalten. „Psychische Gewalt ist oft ein Vorläufer von physischer Gewalt“, sagt Hafner. Insofern sei es ein geeignetes Mittel zur Prävention, wenn Männer frühzeitig in Täterprojekte kommen. „Es wäre nichts erreicht, wenn die Täter zwar nicht mehr schlagen, dies aber durch psychische Gewalt ersetzen, die nur keine sichtbaren Spuren hinterlässt.“ Für Peter F. waren diese Gespräche sehr „kleinteilig“, aber „gut“. Mit der Zeit habe sich eine gute Dynamik in der Gruppe entwickelt. „Wir haben unsere Zeit oft überzogen, sodass Herr Hafner uns schließlich nach Hause gebeten hat.“

In einem weiteren Schritt müssen die Männer ihre Tat rekonstruieren. Es wird detailliert darüber gesprochen, wie der Tag begann, in welcher Stimmung man sich befand. Der entscheidende Punkt: An welcher Stelle hätte man aussteigen können? Auch das fiel zunächst nicht leicht. Peter F. erinnert sich an Teilnehmer, die das Wort „Gewalt“ nicht einmal aussprechen mochten.

Der wohl wichtigste Schritt im Training, so Hafner, sei es, Verantwortung für die Taten zu übernehmen. Ein typisches Muster von Gewalttätern sei die Bagatellisierung mit Ausreden wie „nur einmal die Hand ausgerutscht“ oder „bin provoziert worden“. Hafner versucht dann oft, das Ausmaß einer „einmaligen“ Handlung mit einem Vergleich deutlich zu machen: „Wenn jemand nur einmal Ihr Kind geschlagen hätte, würden Sie es dieser Person zur Betreuung geben?“

Peter F. hat im Laufe der Gespräche erkannt, dass die Konfliktsituationen in seiner Partnerschaft immer einen ähnlichen Ablauf hatten. Er spricht von einer „Spirale der Wut“. Natürlich habe auch seine Frau zu den Eskalationen beigetragen. Aber, so eine der wichtigsten Erkenntnisse des Trainings, man sei zu jedem Zeitpunkt für seine Handlungen selbst verantwortlich. Es sei wichtig zu erkennen, in welchen Situationen die Stimmung umschlagen könnte, wenn etwa bestimmte Worte fallen. Was dann zu tun sei, dafür gebe es auch im Programm kein pauschales Konzept. „Jeder muss selbst etwas suchen, das für ihn geeignet sein könnte. Rausgehen. Oder atmen. Sich sagen: Das ist alles nicht so schlimm.“ Ein weiterer wichtiger Punkt im Programm ist der Umgang mit Gefühlen wie Wut, Trauer oder Frustration. „Wir ermuntern die Männer, auch mal zu weinen, anstatt aggressiv zu werden.“ Denn: Gewalttätiges Verhalten – eine weitere Prämisse der Täterarbeit – ist erlernt. Demzufolge können auch gewaltfreie Kommunikationsstrategien erlernt werden.

Opferschutz weiter wichtig

In Deutschland ist die Täterarbeit ein relativ junges Arbeitsfeld. In den 1990er-Jahren begann Gerhard Hafner mit Kolleg*innen als einer der ersten in dem Bereich zu arbeiten. Damals war das Projekt in Berlin noch eine Männerberatungsstelle mit unterschiedlichen Themen. Erst seit 2012 ist mit dem Gesetz zur Stärkung der Täterverantwortung die juristische Zuweisung von Tätern in Trainingsprogramme möglich. Auch die Istanbul-Konvention, ein völkerrechtlicher Vertrag zum Schutz gegen häusliche Gewalt, hat den Ausbau der Unterstützungsangebote für Opfer und Täter häuslicher Gewalt vorangebracht. „Die Institutionen weisen aber immer noch zu wenig zu“, so Hafner. 2019 hat sein Projekt 322 Männer zwischen 18 und 65 Jahren betreut.

Besonders wichtig sei neben der Kooperation mit Gerichten und Jugendämtern die Zusammenarbeit mit Frauenberatungsstellen und dem Opferschutz für Kinder. Bei der Täterarbeit gebe es, ähnlich wie bei Suchterkrankungen, eine hohe Rückfallquote. Verlässliche Evaluationen über Erfolgsraten gibt es noch nicht. Nach Hafners Erfahrung sinkt die Erfolgsquote, wenn weitere Belastungen wie zum Beispiel Süchte im Spiel sind. „Aber letztlich beurteilen die Frauen, ob unsere Arbeit ein Erfolg war.“

Peter F. zieht für sich eine positive Bilanz. Zu den anderen Männern hat er vier Monate nach Ende des Trainings noch Kontakt. „Wir treffen uns regelmäßig persönlich bei jemandem im Garten oder in der Kneipe.“ Beziehungsprobleme bespreche man in der Whatsapp-Gruppe. „Ich kann nicht sagen, dass ich nie wieder rumschreien werde. Aber ich kann auf jeden Fall erkennen, in welchen Situationen es brenzlig werden könnte und weiß, wie ich reagieren kann.“



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