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USA ǀ Die letzte Ausfahrt eines Postdemokraten — der Freitag


Während der an Covid-19 erkrankte Präsident in der vergangenen Woche jene staatliche Gesundheitsvorsorge genießen konnte, die der US-amerikanischen Bevölkerung weiterhin verwehrt bleibt, konnte er an einem politischen Narrativ arbeiten, welches ihm nun doch noch die Wiederwahl einbringen soll. Die Botschaft: Seht her, alles halb so wild, ich war in der Schule des Lebens, es ist alles sehr aufregend. Habt keine Angst und lasst euch nicht vom Virus beherrschen!

Teil dieser Inszenierung war ein 37-sekündiges Video, welches Trump auf Twitter ohne weiteren Kommentar postete. Die Handlung: Ein Establishment-Shot vom Weißen Haus aus, am Horizont ein Militärhubschrauber im Anflug, generische Musik wie aus einem Avengers-Film. Der Hubschrauber landet in Zeitlupe, die Tür springt auf, Trump steigt aus, schreitet zum Weißen Haus, winkt ein paar Mal, präsentiert sich dann am Balkon und salutiert für das Militär. Das Auftreten passt zum Bild des Heilsbringers, das die Tage seit der Bekanntmachung seiner Erkrankung im Internet zirkulierte. Auf diesem ist Trump im Oval Office zu sehen. Er sitzt an seinem Schreibtisch, hinter ihm der leibhaftige Jesus, die Hände auf Trumps Schultern gelegt. Dessen Hand wiederum berührt die Fingerspitzen des Messias, eine Geste der Hoffnung, verlogen, aber funktionstüchtig. Die bediente Ikonographie mag zwar wie auch im Twitter-Video überdeutlich sein – und doch ist da mehr, als nur eine weitere Botschaft an christliche Konservative.

37 Sekunden für Twitter, zwei Stunden fürs Kino

Natürlich braucht es nicht viel, um im Clip eine Riefenstahl-Imitation zu erkennen. In Zeiten, in der nur noch der Exzess es in die Nachrichten schafft, wird dieser Clip und die mediale Rezeption genauso an uns vorbeirauschen, wie all die anderen Ungeheuerlichkeiten zuvor. Dies aber sollte noch lange nicht dazu verleiten, einer ästhetischen Auffälligkeit wie dieser gar keine weitere Beachtung zu schenken. Denn der Teufel steckt im Detail.

Da wäre zunächst die kaum zu leugnende Ähnlichkeit zu Triumph des Willens in Ästhetik und Inszenierung: der Wechsel aus gleitend-souveränen Panoramaaufnahmen, die pseudo-dokumentarische Geste der Beobachtung, welche zwischen Vorder- und Hintergrund unterscheidet, um Tiefe ins Bild zu legen. Eine wohl überlegte Untersicht, die den Helden der Handlung zur Geltung und vor allem zur Erhabenheit bringt, eine durch Zeitlupe um Bedeutung und Relevanz aufgeladene Bewegung der Figuren, die sich dadurch nicht nur in die Zeit, sondern auch in das Geschehen eingraben. Und natürlich die pathetische Heldenmusik. Alles passt, und wer in die Filmgeschichte blickt, findet einen solchen Stil eben in Elaboration bei Leni Riefenstahl und ihrer Inszenierung Adolf Hitlers.

Mittlerweile kursiert auf Twitter ein Video, welches den Trump-Auftritt direkt mit dem Reichsparteitagsfilm montiert und nun sind nicht nur kompositorische Ähnlichkeiten, sondern auch motivische zu erkennen: Die Landung des Heilsbringers, der aus den Wolken zu uns stößt. Sein großer Auftritt, wenn das Flugzeug landet, schließlich der Gruß an die Untergebenen. Der Gang, der Salut und der souveräne Blick vom Balkon auf die Masse (die bei Trump natürlich fehlt). All diese Motive sind auch in der Dramaturgie von Triumph des Willens zu finden und zeigen, dass Riefenstahls ewige Behauptung, lediglich den Parteitag der NSDAP dokumentiert zu haben, nie gestimmt hat. Gleiches lässt sich auch für das Trump-Video behaupten, denn da landet ja nicht so eben mal ein Präsident. Kann es also sein, dass in Trumps Team nicht nur Wahlreden, sondern auch faschistische Filme plagiiert werden?

Eingebetteter Medieninhalt

Nun, zunächst sei darauf hinzuweisen, dass die Montage-Sequenz des besagten Twitter-Videos Material aus den ersten 30 Minuten Triumph des Willens entnimmt und sie jeweils ihrem Kontext entreißt, um sie parallel mit einer der Szenen aus Trumps Videos zu montieren. Damit ist zwar noch lange nicht die verblüffende Ähnlichkeit zur Inszenierung Riefenstahls kleinzureden, der Hinweis aber deutet auf eine grundlegende Verschiedenheit zwischen beiden hin: Trumps Video und Riefensteins Propagandafilm unterliegen schließlich gewissen Gesetzmäßigkeiten, die an die jeweilige Medienspezifität gebunden sind: 37 Sekunden für Twitter, fast zwei abendfüllende Stunden für das Kino. Um nun eine Analogie herzustellen, muss an der unterschiedlichen Quantität Hand angelegt werden. Diese Verzerrung aber ändert nichts an der Hypothese: Trump produziert eine postdemokratische Pastiche aus Roland-Emmerich-Kinotrailer, Blockbuster und Riefenstahl-Ästhetik.

Da mag es egal sein, dass keine vollständige Kongruenz vorherrscht. Denn wenn man näher hinsieht, fallen natürlich ebenso klare Unterschiede auf. Zum Beispiel die schizophrene Haltung, die Hitler in Triumph des Willens der Masse gegenüber einnimmt. Einerseits ist er die herausragende Persönlichkeit, das politische Genie, welches Deutschland nach Jahren der Schmach wieder an seinen rechtmäßigen Platz geführt hat. Andererseits ist er „nur“ Teil der Masse: Hervorgehoben sicherlich, aber immer von ihr umgeben, stets von ihr aufgefangen und reflektiert.
Diese Schizophrenie zeigt sich in der Inszenierungsweise: Zu Beginn fährt Hitler mitsamt motorisierter Entourage durch ein Massenmeer. Er grüßt vom Auto, das Volk liebt zurück. Vor allem Frauen bekommen sich gar nicht mehr ein. Dann wechselt die Perspektive, die Kamera selbst befindet sich auf dem Auto und wir sehen … ja, was? Etwa Nürnberg aus Hitlers Perspektive? Die Blickinszenierung und die Montage lassen einen solchen ästhetischen Schluss zu, der ideologisch gar nicht möglich zu sein scheint. Es gibt schließlich nur einen „Führer“. Trump hingegen muss sich – sicherlich auch krankheitsbedingt – 37 Sekunden lang ohne seine geliebte Masse zeigen.

Das Böse mit dem Hang zum Schillernden

Doch statt der Faschismus-Analogie einseitig zu verfallen, sollte man diese ebenso von der anderen Seite betrachten. Ohne damit den Faschismus klein reden zu wollen, gilt es mit Blick auf das Trump-Video schlicht und ergreifend daran zu erinnern, dass Riefenstahls Werk als Klassiker des Dokumentarfilms einen solch immensen Einfluss auf die Ästhetik des Kinos genommen hat; dass ihre ästhetischen Codes so tief in unser mediales Gedächtnis eingedrungen sind, dass sie als Konventionen der PR selbstverständlich auch von Trump problemlos reproduziert und als standardisierte Pathoswaffen eingesetzt werden können. Damit ist das Ganze nicht entpolitisiert. Denn es wird einerseits als Teil einer Kampagne verwendet, andererseits ist die Ästhetisierung hier selbst das Politische, wie es Walter Benjamin festgehalten hat. Doch damit ist immer noch nicht alles gesagt.

Denn das Auffällige ist die Konnotation dieser Codierung. Denn den gewöhnliche Riefenstahl-chic kennt man ja eigentlich aus Filmen wie Ridley Scotts Gladiator oder wenn in Star Wars: Episode II von George Lucas die Klonkrieger vor dem Imperator aufmarschieren. Eine solche Ästhetik diente bisher zur schematischen Charakterisierung des imperialistischen Antagonisten, zur Darstellung des absoluten Bösen, welches einen Hang zum Schillernden hat. Hat das Trump-Team also ganz bewusst diese Ästhetik umcodierend bedient? Um das gegnerische Lager mit einer gewohnten Provokation zu erhitzen und das eigene Lager anzuheizen? Oder können wir dahinter ein weiteres Zeichen einer grundlegenden Umwandlung gesellschaftlicher und politischer Orientierung erkennen? Oder, um an das Ende dieses mühseligen Kaffeesatzlesens anzukommen: Steckt dahinter nur die Banalität eines Medienteams, welches es nicht besser weiß und dies tatsächlich für eine kluge Strategie hält? Egal wie man es wendet, besser wird es nicht.

Unabhängig von Intention und Kenntnis des Trump-Medienteams, bedient das Video wohl dreierlei Zweck: Versicherung der eigenen Stärke, Kommunikation sowohl mit dem eigenen als auch mit dem gegnerischen Lager und Schaffung eines wahlkampftauglichen Plots, welcher den zukünftigen Umgang mit Covid und damit den Anfang einer Last-Minute-Gewinnergeschichte einleiten soll. Dahinter steckt natürlich eine an ihr Ende gekommene postdemokratische Wahlkampfstrategie, die statt des politischen Arguments auf den radikal eingesetzten Effekt setzen musste: um Affekte zu schaffen, weil da ansonsten nur Scheitern und Versagen ist. Das Trump-Video ist mit all seinen ästhetischen Implikationen das, Stand heute, letzte Symbol einer Strategie, die nun die letzte Ausfahrt nimmt.

Das Problem: Hinter dieser lauert in jeder Hinsicht der Faschismus.

Lucas Curstädt ist Filmwissenschaftler an der Uni Bonn





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