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Zeitgeschichte | 1990: Enthauptungsschlag



Die Treuhandanstalt ersetzt Betriebsdirektoren der DDR überwiegend durch westdeutsche Manager. Sie sollen den raschen Erfolg der Privatisierungen garantieren

1990: Enthauptungsschlag

Ab Sommer 1990 hat es nach Meinung der Regierung Kohl sehr schnell zu gehen mit der wirtschaftlichen Einheit, denn noch im selben Jahr soll die politische folgen. Dazu ist mit der DM-Einführung die Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli angelaufen, zugleich im August die Treuhandanstalt (THA) unter Führung des Ex-Hoesch-Managers Detlev Karsten Rohwedder in ein Instrument rascher Privatisierung umgestaltet worden. Am 13. September zieht der Treuhandvorsitzende vor der letzten DDR-Volkskammer eine erste Bilanz. Von den 8.000 ostdeutschen Betrieben seien zu diesem Zeitpunkt 7.000 in Aktiengesellschaften und GmbHs umgewandelt worden. Rohwedder nennt sein Statement „Bericht in aller Kürze“ und tritt medial kolportierten Gerüchten entgegen, es gäbe längst eine Liste von unweigerlich dem Untergang geweihten Standorten.

Steht demnach der Einpassung von DDR-Betrieben in die bundesdeutsche Marktwirtschaft nach dem Verkauf an private Interessenten nichts mehr im Wege? Doch – aus Sicht der Treuhand sind das nicht fehlende Investoren, sondern die ostdeutschen Betriebschefs. Sie seien – so die vorherrschende Meinung im Westen – auf Planwirtschaft getrimmt und damit für die marktwirtschaftliche Transformation der Unternehmen, denen sie bis dahin vorstehen, wenig geeignet.

Es gilt, rasch Abhilfe zu schaffen. Bundeskanzler Kohl lädt daher die Manager bundesdeutscher Großunternehmen für den 9. Oktober zu einem Spitzengespräch nach Bonn. Das Treffen schließt mit einem Aufruf, „Manager auf Zeit“ für die von der Treuhand verwalteten ostdeutschen Betriebe zur Verfügung zu stellen, um deren Entstaatlichung voranzutreiben. Dieser Schub an Personal würde helfen – meint auch Rohwedder –, den begonnenen, nur zögerlich vorangehenden Privatisierungsprozess zu beschleunigen. Den im September gegründeten 15 Außenstellen seiner Anstalt – ihr Verantwortungsbereich bezieht sich auf jeweils einen der 15 Bezirke der DDR – wird die Aufgabe übertragen, zunächst den Verkauf kleiner und mittlerer Volkseigener Betriebe (VEB) voranzutreiben. In diesen Niederlassungen erhält nicht, wie man annehmen würde, Fachpersonal aus dem betreffenden Bezirk eine Chance. Es kommen kaum Ostdeutsche in Betracht. Wie schon in der Ostberliner Treuhandzentrale, dem heutigen Bundesfinanzministerium, sind allein Manager, Berater und Wirtschaftsanwälte aus dem Westen gefragt, die freilich in der Regel von der Funktionsweise der Wirtschaftseinheiten im Osten keine Ahnung haben. Doch gilt das mitnichten als Makel. Im Gegenteil, schließlich soll mit dem bisherigen Lenkungssystem in der DDR-Ökonomie radikal gebrochen werden. „Fast alle Leitungsgremien in Deutschland sind westlich besetzt und denken westlich“, resümiert Bundespräsident Richard von Weizsäcker dieses Revirement Ende 1990. Das habe jedoch zur Konsequenz, dass „die normale Lage der alten Republik als das Optimum der gesellschaftlichen Entwicklung wirkt“. In ähnlicher Weise denkt auch der Westberliner Publizist Peter Bender: „Schon immer lebten die Westdeutschen in der sicheren Gewissheit, bei ihnen sei – von Einzelheiten abgesehen – alles wohlgeordnet und in der DDR alles nur eine Abweichung vom Wahren und Richtigen.“

Das Ergebnis dieser Denkungsart – so der ostdeutsche Politiker Wolfgang Thierse, ab Juni 1990 kurzeitig Vorsitzender der SPD Ost – sei eine deutsch-deutsche Begegnungskultur, „die gefährdet ist durch ein Klima ziemlich undifferenzierter, ja manchmal arroganter Urteile und unerträglicher Verurteilungen der Kultur in der DDR schlechthin“. Es gäbe, meint Thierse, „keinen Lebensbereich, wo sich der ostdeutsche Teil nicht missverstanden, bevormundet oder an die Wand gedrückt“ fühle. Wie diese Umgangsformen zum Ausdruck kommen, fasst Regina C. Henkel, Personalchefin in Leipzig, für das Manager Magazin mit den Worten zusammen: Die Westmanager „reden nicht mit uns, sondern nur über uns“. Und der Publizist Thomas Koch urteilt im Deutschland Archiv, die Arroganz und das selbstherrliche Auftreten westlicher Berater liefen „auf eine Strategie des Aufpfropfens statt einer Integration durch Kooperation“ hinaus. Man fragt sich im Nachhinein: Warum ließen sich die Werk- und Kombinatsdirektoren, die in der DDR bis dahin die mehr als 8.000 Betriebe geleitet hatten, die in ihrer Mehrzahl zwischen 40 und 60 Jahre alt waren und dementsprechend Berufserfahrung gesammelt hatten, eine derart herablassende und demütigende Behandlungsweise gefallen? Immerhin trugen sie nach den Zahlen von 1989 die Verantwortung für gut 51.000 Beschäftigte des Bauwesens, für 20.300 im Maschinen- und Fahrzeugbau, 22.700 in der Elektrogeräteherstellung und 18.200 in der Leichtindustrie.

Thomas Koch dürfte den Hauptgrund genannt haben, als er in seinem Beitrag für das Deutschland Archiv darauf hinweist, dass der unmittelbar erlebte „Zusammenbruch des realsozialistischen Systems sowie der Untergang der DDR für viele Menschen Utopie-, Sinn- und Richtungsverlust zur Folge“ hat. Vor allem das hindert sie daran, Widerstand gegen ihre Degradierung zu leisten. Zudem dient Westmanagern der sich 1990 vollziehende ökonomische Kollaps der DDR und dessen Auslegung als Beweis für das generelle Unvermögen ostdeutscher Leitungskader, die entlassen gehören. Es erscheint zeitgemäß, nach diesem Muster die Handlungsweise gegenüber Berufskollegen aus dem Osten zu rechtfertigen. Viele Westdeutsche, die in Betrieben zwischen Ostsee und Thüringer Wald Leitungsfunktionen übernehmen, sind davon überzeugt, allein durch marktwirtschaftliche Strukturen, eine Neuorientierung im Absatz und den Abbau „überflüssigen“ Personals ließen sich einst volkseigene Betriebe wieder flottmachen. Bald zeigt sich, dass die im Westen gewohnten Strategien nicht genügten. Die Käufer aus den alten Bundesländern bleiben rar, so sehr zur Privatisierung angebotene Betriebe auch verschlankt werden, um attraktiv zu sein. Die Erkenntnis, dass man wissen muss, wie ein Unternehmen bis zum Herbst 1989 gelaufen ist, wie es in den Jahrzehnten zuvor gewirtschaftet hat, woher die Vorprodukte kamen und wohin die Erzeugnisse exportiert worden sind – ja, wie man die Belegschaft motiviert –, beginnt sich erst allmählich und höchst punktuell durchzusetzen. Das betrifft ebenso die Einsicht, als Führungspersonal im Umgang mit Ostdeutschen einen anderen Ton als den des Siegers und Besserwissers anschlagen zu müssen.

Erste, auch Umgangsformen berücksichtigende Kurse für Westmanager beginnen Aus- und Weiterbildungsfirmen ab Ende 1990 zu offerieren, unter anderem das Unternehmen Piehler & Topp. Dessen wirtschaftspsychologisches Institut bietet Kurse für Westmanager, „die im Osten gut ankommen wollen“. „Viele von ihnen schaden sich mit ihrer Ungeduld im Osten“, so die von der Wirtschaftswoche interviewte Unternehmensberaterin Barbara Topp: „Sie verstehen nicht, was es bedeutet, dass die Menschen hier ein ganz anderes Leben hinter sich haben als in ihrer Heimat.“ Als das Interview Mitte 1991 geführt wird, berichtet Topp: Personalchefs und Betriebsleiter in erheblicher Zahl hätten bereits „Hunderte von Ostpionieren“ in ihre Seminare geschickt, „wo sie erst einmal per Vortrag, Dia, Tonband und Video ein bisschen von der alten DDR kennenlernen und dann ausführlich darüber nachdenken konnten, wo es bei ihnen im Umgang mit den Einheimischen hakt“.

Ein Sinneswandel ist überdies zu erkennen, als sich die Treuhand in den frühen 1990er Jahren dazu durchringen kann, bei der Privatisierung von kleineren Betrieben vermehrt Personal aus dem DDR-Management Chancen einzuräumen.

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.



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